Naturkontraste in Tansania: Kilimanjaro & Usambara Berge
31.08.2025 routen >> afrika hautnah
Ich bleibe noch einen Tag länger in der Jungle Junction und nutze die Zeit für einen Ölwechsel an der Honda. Freundlicherweise darf ich die eingerichtete Werkstatt benutzen und alles selbst erledigen. Nebenbei schreibe ich den Reisebericht über Lamu Town und gehe – wie gestern – ins nahegelegene Zentrum für ein frühes Abendessen. Mit der Planung der morgigen Route beende ich schließlich den Tag.
Die Jungle Junction liegt in den südlichen Außenquartieren von Nairobi, was für mich günstig ist, da meine Route nach Süden in Richtung Tansania und in die Region des Kilimanjaro führt. So muss ich nicht durch die Großstadt fahren, sondern kann auf wenig befahrenen Straßen das Einzugsgebiet von Nairobi hinter mir lassen.
Nach einer Stunde Fahrt erreiche ich eine Tankstelle mit kleinem Shop, wo ich den Tank auffülle und mir einen Kaffee gönne. Von hier verläuft meine Strecke durch trockenes Buschland, das nur spärlich besiedelt ist. Die Straßenbeschaffenheit wechselt dabei in regelmäßigen Abständen von sehr gut bis hin zu Schlaglochpiste. Tiere bekomme ich leider keine zu Gesicht, obwohl ich nahe am Amboseli-Nationalpark entlangfahre. Als ich auf die Verkehrsachse zur Grenze nach Tansania abbiege, sehe ich aus der Ferne eine riesige Industrieanlage, die wie eine Alien Station in der weiten Ebene wirkt. Sie ist schon von Weitem sichtbar, da sie stark im Kontrast zu den weißen Erdoberflächen steht. Diese entstehen durch Soda Salz, das zurückbleibt, wenn Seen und Wasserstellen saisonal austrocknen. Die Anlage entpuppt sich als gewaltiges Zementwerk, das laut meinem Kartenmaterial mitten im Amboseli-Nationalpark steht. Leider ein Umstand, den man in vielen Ländern beobachten kann.
Vom 5.900 Meter hohen Kilimanjaro, den ich eigentlich längst am Horizont sehen sollte, ist weit und breit nichts zu erkennen. Er versteckt sich hinter den Wolken, die fast immer um und über dem höchsten Berg Afrikas hängen.
In Kimana, der zweitletzten Siedlung vor der Grenze zu Tansania, bleibe ich für eine Nacht. Vielleicht habe ich Glück und sehe den Kilimanjaro bei Sonnenuntergang oder früh am Morgen. Zu diesen Zeiten lichtet sich die Wolkendecke am ehesten und gibt den Blick frei auf den imposanten Berg mit Schneekrone. Und tatsächlich: kurz bevor es dunkel wird, zeigt er sich. Wegen des schwindenden Lichts bleibt der Schnee allerdings fast unsichtbar.
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Als ich aufwache, ist meine Nase verstopft und ich habe leichte Kopfschmerzen. Schon gestern hatte ich das Gefühl, dass sich eine Erkältung anbahnt. Vermutlich habe ich sie mir auf dem Rückflug von Lamu Island eingefangen. Zuerst war es so heiß im Flugzeug, dass mir der Schweiß herunterlief, und kaum waren wir in der Luft, wurde eiskalt heruntergekühlt.
Nach dem Frühstück geht es mir nicht besser. Eigentlich würde ich lieber einen Ruhetag einlegen, aber mein Zimmer ist eng und wenig einladend, um dort den ganzen Tag zu bleiben. Außerdem könnte es morgen genauso schlecht oder noch schlechter sein. Also schlucke ich ein Paracetamol, um wenigstens einen halben Tag fahren zu können. Mehr brauche ich nicht, um nach Moshi in Tansania zu kommen, wo ich ohnehin mindestens zwei Nächte bleiben möchte. Die Unterkunftslage dort sieht gut aus und ich reserviere mir ein großes Zimmer in einem Guesthouse am Stadtrand mit einem schönen Garten.
Eine halbe Stunde später wirkt das Medikament, und ich fühle mich fit genug zum Losfahren. Leider hängt der Himmel voller Wolken, die erneut die Sicht auf den Kilimanjaro verdecken. Trotzdem fahre ich die 25 Kilometer bis zum Amboseli Gate entlang des Berges. Vielleicht habe ich Glück und er zeigt sich spontan – oder ich sehe wenigstens ein paar Tiere.
Die Straße bis zum Gate ist geteert, mit einigen Abschnitten voller Schlaglöcher. Hier leben hauptsächlich Massai. Ihr Markenzeichen sind die roten, karierten Tücher, die sie sich um die Schultern legen oder um den Körper winkeln. Schon bald passiere ich das erste Massai Dorf. Die Häuser sind kaum sichtbar, da sie von einem zwei Meter hohen Dornenzaun umgeben sind, damit keine Tiere hineinkomme. Solches Gestrüpp gibt es in der Gegend reichlich. Am Straßenrand stehen ältere Männer in traditioneller Kleidung, während die jüngere Generation westliche Kleidung trägt. Die älteren Männer winken mir freundlich zu. Natürlich winke ich zurück, denke mir aber, dass sie wohl eher den Touristen im Blick haben als mich persönlich. Auf der Strecke herrscht reger Verkehr mit Safarifahrzeugen, die mich überholen oder entgegenkommen. Die Massai verdienen hier sicher etwas dazu, indem sie sich in ihren traditionellen Kleidern fotografieren lassen.
In einem Dorf entdecke ich sogar einen kleinen Marktplatz mit Verkaufsständen vor dem Zaun. Zwei Touristenfahrzeuge stehen dort und die Männer und Frauen sind alle traditionell gekleidet, um Souvenirs anzubieten. Recht haben sie – so profitieren sie wenigstens ein wenig von den Touristen, die ansonsten kaum irgendwo anhalten, sondern lediglich viel Geld für die gebuchte Reise ausgeben, wovon die lokale Bevölkerung oft nichts davon hat.
Tiere sehe ich auf dem Hinweg nur ein paar Affen. Auf dem Parkplatz beim Gate spreche ich mit einem Souvenirverkäufer. Doch anstatt mir etwas anzudrehen, fragt er interessiert nach meinem Motorrad und meiner Herkunft. Als er hört, dass ich aus der Schweiz komme, holt er eine fast neue Zehn-Franken-Note aus seinem Auto und fragt lachend, ob ich sie wechseln könne. Ich erkläre ihm den Wert in kenianischen Schilling und dass ich selbst kaum noch welche habe, da ich gleich nach Tansania fahre. Er steckt die Note in die Tasche – hier am Gate hat er sicher bald die Gelegenheit, einen anderen Schweizer zu treffen.
Auf dem Rückweg laufen mir ein paar Antilopen über die Straße, wieder einige Affen – mehr gibt es heute nicht. Auch der Kilimanjaro bleibt im Verborgenen.
An der Grenze habe ich Glück: Auf der kenianischen Seite bekomme ich die Ausreisestempel für mich und die Honda schnell. Ein paar hundert Meter weiter folgt der tansanische Zoll. Mein Single-Entry-Visum von der Einreise aus Malawi Ende Juni ist noch bis zum 24.09.2025 gültig. Da ich aus einem East-African-Land komme – dazu gehören Burundi, Ruanda, Uganda und Kenia – akzeptiert der Beamte es problemlos, obwohl es ja ein Single Entry Visa wäre. Er weist mich nur darauf hin, dass es bald ausläuft. Ich nicke dankend.
Im nächsten Büro gebe ich mein Carnet de Passage und meinen Pass ab. Eine freundliche Zollbeamtin bittet mich, Platz zu nehmen. Nach 15 Minuten bekomme ich das abgestempelte Carnet und das Formular für die temporäre Einfuhrbewilligung zurück. Eine Versicherung schließe ich erneut nicht ab – bisher hat in Tansania niemand danach gefragt.
Ab hier wirkt es fast so, als ob die Natur selbst eine Grenze hätte. Plötzlich wird alles grün und saftig. Vermutlich regnet es an dieser Seite des Kilimanjaro deutlich mehr. Die Stunde bis Moshi schaffe ich dank Paracetamol gut.
Mein Guesthouse entpuppt sich als Glücksgriff: Das Zimmer ist groß und geschmackvoll eingerichtet. Nachdem ich die Honda entladen habe, lege ich mich eine Stunde hin. Später gehe ich zu Fuß in ein Restaurant gleich um die Ecke, das auf Google viele gute Bewertungen hat – zu Recht, wie ich feststelle. Das Essen ist hervorragend und wird mir im riesigen Garten serviert.
Zwei Stunden später liege ich erledigt im Bett und hoffe, dass es mir morgen besser geht.
Mein Körper fühlt sich noch etwas müde an, doch nach dem Frühstück legt sich das glücklicherweise. Ich plaudere ein wenig mit der Inhaberin des Guesthouses und erzähle ihr, dass ich heute eine kleine Tour machen möchte, um einen Blick auf den Kilimanjaro zu erhaschen. Sie fordert mich auf, mitzukommen, und wir gehen durch den großen Garten bis ans andere Ende. Und tatsächlich: Von dort kann ich den oberen, schneebedeckten Teil des Kili sehen. Super! Zeit aufzubrechen, vielleicht zeigt er sich mir heute sogar in voller Größe.
Ich verabschiede mich von der Inhaberin, ziehe meine Motorradklamotten an und los geht’s. Im Navigationsgerät habe ich einige Punkte markiert, von denen man einen guten Blick auf den höchsten Berg Afrikas haben soll. Doch als ich nach einer halben Stunde am ersten Aussichtspunkt ankomme, haben die Wolken den Berg bereits wieder verschluckt. Ich fahre trotzdem noch etwas herum und bekomme dabei immerhin den 4.560 Meter hohen Mount Meru zu sehen, der bei Arusha liegt.
Nach einer Snackpause in einem Café fahre ich zurück nach Moshi. Am Abend möchte ich es noch einmal versuchen. Bevor ich ins Guesthouse zurückkehre, halte ich beim Supermarkt, wo ich bereits Geld abgehoben und meine SIM-Karte aufgeladen habe. Dort gibt es einen gesicherten Parkplatz, auf dem ich die Honda problemlos abstellen kann, während ich etwas Proviant einkaufe.
Als ich wieder hinauskomme, stehen drei jüngere westliche Männer bei meinem Motorrad. Sie begrüßen mich lachend auf Deutsch und erzählen, dass sie mein Nummernschild gesehen und auf mich gewartet hätten. Sie machen im örtlichen Spital ein Austauschsemester, bevor sie in Deutschland ihre medizinische Ausbildung abschließen. Während wir plaudern, fährt ein TukTuk auf den Parkplatz, aus dem zwei westliche Frauen aussteigen. Auch sie absolvieren hier ihr Praktikum. Kennengelernt haben sie sich alle im Spital – insgesamt seien sie derzeit zu zehnt.
Natürlich erzählen sie mir auch ein wenig, wie es dort zugeht. Einig sind sie sich in einem Punkt: Keiner von ihnen würde hier als Patient behandelt werden wollen. Die Sterblichkeitsrate sei hoch, weil die Ärzte zu wenig gut ausgebildet seien oder die nötigen Mittel fehlen. Ich erzähle ihnen die Geschichte des Österreichers, der Informationen über den Tod seiner Bekannten sucht. Einstimmig meinen sie, dass Patienten mit Herzmuskelentzündung oder Hirnhautentzündung hier kaum eine Überlebenschance hätten.
Beim Abschied lachen wir alle herzlich. Gerade noch haben wir über die schlechten Zustände im Spital gesprochen – und nun steigen die jungen Ärzte wie die Locals auf ein kleines Motorrad, ohne Helm, mit kurzen Hosen und Flip-Flops, zu dritt auf einer Maschine. Wenn das mal gut geht und sie nicht unter anderen Umständen im gleichen Spital landen, in dem sie gerade arbeiten!
Wieder zurück im Guesthouse genieße ich den eingekauften Proviant und entspanne im sonnigen Garten. Gegen 17 Uhr starte ich noch einmal und bekomme tatsächlich einen herrlichen Blick auf die Spitze des Kilimanjaro und dazu einen unvergesslichen Sonnenuntergang hinter dem Mount Meru. Die Rückfahrt im Dunkeln macht allerdings deutlich weniger Spaß. Gefühlt die Hälfte der Verkehrsteilnehmer hat keine oder defekte Beleuchtung, und die Schlaglöcher sehe ich erst im letzten Moment.
Auf einen Besuch des berühmten Serengeti-Nationalparks, der hinter Arusha beginnt, verzichte ich. Die Preise sind sowohl für Individualreisende mit eigenem Fahrzeug als auch für organisierte Safaris ungerechtfertigt hoch. Zudem verzeichnet der Park mittlerweile mehr als eine Million Besucher pro Jahr – vermutlich mehr Menschen, als es Tiere hat.
Ich schlage stattdessen die Richtung zum Indischen Ozean ein. Auf dem Weg dorthin verläuft die Strecke entlang der Usambara-Berge, die für ihre dichten Regenwälder und spektakulären Aussichten bekannt sind. Mein heutiges Ziel ist der Ort Lushoto, der in diesen Bergen liegt.
Mangels Alternativen muss ich über 200 Kilometer auf der Verkehrsachse nach Daressalam zurücklegen. Ich stelle mich deshalb auf eine verkehrsreiche Fahrt mit vielen LKWs ein. Auf den ersten 50 Kilometern bestätigt sich das auch. Danach führt die Straße durch dünne besiedelte Gebiete, was den Verkehr deutlich entzerrt und das Fahren angenehm macht.
Genau zur richtigen Zeit, denn nun wird auch die Landschaft interessant. Links von mir erheben sich zunächst die Para-Berge, während sich rechts eine riesige Ebene ausbreitet, in der immer wieder große Ananasplantagen auftauchen. Das Bild zieht sich über viele Kilometer, bis schließlich die Usambara-Berge vor mir auftauchen. Nach einer weiteren halben Stunde erreiche ich Mombo, wo meine Route nach links in die Berge abzweigt. Ein schmales Sträßchen windet sich über 1.000 Höhenmeter hinauf. Zweimal werde ich dabei fast von der Straße gedrängt, weil ein Bus und ein Kleinlaster die engen Kurven so schneiden, dass ich nur haarscharf an ihnen vorbeikomme.
Meine Unterkunft liegt oben auf einem Hügel, den ich über eine teils gute, teils holprige Schotterpiste erreiche. Das Guesthouse ist noch recht neu und ich bekomme ein tolles Zimmer im oberen Stockwerk mit herrlichem Ausblick. Das längere Recherchieren nach einer guten und bezahlbaren Unterkunft hat sich voll ausgezahlt. Den Rest des Nachmittags verbringe ich entspannt auf der Sonnenterrasse und zum Sonnenuntergang wird mir ein leckeres Abendessen serviert.
Geplant war für heute eine grosse Runde durch die Usambara-Berge. Das Wetter spielt jedoch einmal mehr nicht mit: Schon am Morgen hängen dunkle Wolken über den Gipfeln, und für Mittag ist Regen angesagt. Keine guten Verhältnisse für 180 Kilometer Schotterpisten. Also bleibe ich in meiner Unterkunft und hoffe auf Aufhellungen am Nachmittag, um wenigstens zu Fuss zu einem Aussichtspunkt spazieren zu können.
Beim Frühstück lerne ich meine Zimmernachbarn kennen. Sie kamen gestern Abend spät an. Ein Paar aus Sansibar, die hier eine Woche Ferien macht. Schön zu sehen, dass es auch lokalen Tourismus gibt. Sie betreiben eine Touragentur und erzählen, dass viele ihrer Gäste aus Daressalam kommen, um auf Sansibar Urlaub zu machen.
Der Vater des Guesthouse-Betreibers setzt sich ebenfalls zu uns. Er spricht recht gut Englisch, und so kommen wir ins Plaudern. 74 Jahre ist er alt – in Tansania ein stattliches Alter. Er erzählt von seiner verstorbenen Frau und davon, dass zwei seiner fünf Kinder ebenfalls nicht mehr leben. Für mich klingt das sehr traurig, doch hier ist der Tod allgegenwärtiger als bei uns in Europa.
Da sich die Sonne auch mittags nicht zeigt, entscheide ich mich, ins Dorf hinunterzulaufen. Angeblich gibt es dort ein Kaffeehaus, das für seinen besonders guten Kaffee bekannt ist. Zum Aussichtspunkt zu gehen, macht bei dieser Bewölkung keinen Sinn – vielleicht morgen früh, bevor ich weiterfahre. Der Weg zieht sich länger als gedacht. Manche Strässchen, die mir Organic Maps anzeigt, existieren schlicht nicht, sodass ich einige Umwege machen muss. Macht nichts, ich habe Zeit. Im Dorf herrscht reges Treiben. Entlang der Hauptstrasse reihen sich Verkaufsstände – Gemüse, Früchte, Schuhe, Plastikkübel, elektronische Geräte und vieles mehr wird angeboten. Das kleine Kaffeehaus finde ich schnell und bestelle beim freundlichen Inhaber einen starken schwarzen Kaffee. Er mahlt die Bohnen frisch mit einer Handmühle und brüht sie direkt auf. Das Ergebnis schmeckt grossartig.
Bevor ich den Rückweg antrete, kaufe ich noch eine Flasche Wasser. Dabei komme ich mit den Motorradmechanikern der kleinen Werkstatt nebenan ins Gespräch. Einer baut gerade ein Getriebe ein, ein anderer macht einen Ölwechsel. Eine Auffangwanne gibt es nicht, das Öl läuft direkt in die Erde. Der Boden rund um die Werkstätten ist deshalb pechschwarz. Ob eine Wanne hier wirklich helfen würde, bezweifle ich – schliesslich müsste auch sie irgendwann irgendwo entleert werden.
Zurück im Guesthouse treffe ich auf eine deutsche Touristin, die soeben angekommen ist. Gerade zur rechten Zeit, das Abendessen wir nämlich serviert. Wir unterhalten uns während des Essens und stellen fest, dass sie auf ihrer geplanten fünftägigen Wandertour mit Guide durch die Usambara Berge zum gleichen Zielort möchte, wo ich morgen geplant haben hinzufahren. Fast unbemerkt hat sich während des Essens die Wolkedecke am Horizont gelichtet und und gibt einen kurzen Blick frei auf den Sonnenuntergang.
Die ursprünglich geplante Rundtour durch die Usambara-Berge ist mit 180 Kilometern und über 2.600 Höhenmetern einfach zu viel. Trotzdem möchte ich mehr von dieser Bergwelt sehen. Ich entscheide mich deshalb, am anderen Ende des Gebirges in einer Lodge zu übernachten, die direkt an der Kante liegt und eine grandiose Aussicht bieten soll: die Mambo Lodge & View Point. Die Lodge wurde 2008 von einem holländischen Paar gegründet, mit dem Ziel, dass die Einkünfte auch den umliegenden Dörfern zugutekommen. Im Internet finde ich einige Artikel darüber, was sie in den letzten 15 Jahren alles erreicht haben. Auch in meiner Unterkunft kennt man die Lodge, und der Guide, mit dem die deutschen Touristen heute dorthin aufbrechen, erwähnt sofort, wie viel die Gründer für die Menschen vor Ort getan haben – und immer noch tun.
Die Lodge hat allerdings ihren Preis. Zelten wäre zwar möglich, aber bei den kalten Nächten hier oben auf 1.800 Metern vergeht mir die Lust darauf. Außerdem gebe ich gerne zwischendurch etwas mehr für eine Unterkunft aus, wenn ich weiß, dass mein Geld direkt der lokalen Bevölkerung hilft.
In der Nacht hat es stark geregnet. Ich rechne also mit nassen Pisten und plane, ohne große Umwege den direktesten Weg zur Lodge zu nehmen. Auf meiner OSM-Karte sieht das wie ein kleiner Wirrwarr aus – unzählige Sträßchen, die alle irgendwann irgendwo in der Nähe der Lodge enden. Aber irgendwie werde ich durchkommen.
Um acht Uhr gehe ich zum Frühstück, doch niemand ist da. Meine Zimmernachbarn aus Sansibar zucken nur die Schultern und meinen, es komme sicher bald etwas. Am Ende warte ich eine ganze Stunde. Ganz typisch Afrika: niemand spricht von Verspätung oder Entschuldigung, es wird einfach freundlich guten Morgen gegrüsst, gefragt, wie wir geschlafen haben und dabei das Frühstück serviert. Wir leben eben im Jetzt.
Um zehn Uhr starte ich und rutsche teilweise die nasse Piste vom Guesthouse-Hügel hinunter. Wäre Sonne da, wäre schon alles trocken, doch graue Wolken dominieren weiterhin den Himmel. Nach der Ortschaft windet sich die Strasse hinauf und ich überquere einen kleinen Pass, wo der Asphalt endet, und die Lehmpiste beginnt. Zum Glück ist sie trotz etwas Nässe noch gut befahrbar.
In der nächsten größeren Ortschaft biege ich ab und fahre durch unzählige Dörfer, die wirken, als sei die Zeit dort vor vielen Jahren stehen geblieben. Mit meinem Motorrad falle ich sofort auf – auf manchen Dorfplätzen drehen sich alle Köpfe nach mir.
Die Region ist überwiegend muslimisch, und auf einem schmalen Sträßchen stoße ich plötzlich auf eine Prozession. Vorneweg singt ein Mann, vermutlich der Imam, in ein schepperndes Mikrofon, dahinter folgt eine lange Menschenmenge. Ich halte an, weil es unmöglich ist, vorbeizufahren. Nach zehn Minuten taucht hinter mir ein dreirädriger Motorradtransporter auf. Ohne zu zögern, fährt er mitten in die Menge, die sich wortlos teilt. Ich hänge mich dicht an ihn, und so schlüpfe auch ich unauffällig hindurch. Allein hätte ich das nicht gewagt.
Eine halbe Stunde später erreiche ich die Lodge. Sie thront wirklich direkt an der Bergkante mit Blick in das 1.300 Meter tiefere Tal und den dahinter liegenden Pale Berge. Ich bekomme meinen eigenen Bungalow – die Aussicht ist unbeschreiblich. Ein magischer Ort!
Nach dem Auspacken setze ich mich in die inzwischen erschienene Sonne und genieße die Weitsicht. Beim anschliessenden Kaffee auf der Restaurantterrasse treffe ich eine ältere Frau aus Finnland, die schon zum zweiten Mal für mehrere Monate hier ist. Sie unterrichtet ehrenamtlich Englisch in der Dorfschule und meint, sie wolle am liebsten ganz hierbleiben, wenn sie nur ein passendes Visum bekäme.
Am Abend erlebe ich einen spektakulären Sonnenuntergang. Danach essen wir zu viert: die finnische Lehrerin, das holländische Gründerpaar und ich. Das Gespräch ist spannend, ich erfahre viel über ihre Projekte in den umliegenden Gemeinden und wie der Aufbau der Lodge erfolgte. Heute sind die beiden offiziell pensioniert, die Lodge führen Einheimische. Sie selbst kümmern sich noch um einige Projekte, geniessen aber mehrheitlich ihren Traumbungalow, der etwas abseitssteht, mit direktem Blick auf die Ebene, die Pale-Berge – und bei klarer Sicht sogar bis zum Kilimandscharo.
Als ich später ins Bett gehe, entscheide ich spontan eine weitere Nacht zu bleiben. Dieser Ort ist einfach zu schön, um gleich wieder weiterzufahren.
Die Nacht war kalt, und ich bin froh über die zwei dicken Wolldecken, die mich warmgehalten haben. Mit dem ersten Tageslicht stehe ich auf und bestaune den Sonnenaufgang. Von meinem Bungalow aus kann ich sowohl den Sonnenaufgang als auch den Sonnenuntergang sehen – ein seltener Luxus, den ich bisher nur an wenigen Orten erlebt habe.
Nach dem Frühstück beginne ich diesen Reisebericht zu schreiben. Immer wieder mache ich Pausen, um die Aussicht zu genießen oder mir auf der Restaurantterrasse einen Kaffee zu gönnen. Zwischendurch plaudere ich ein wenig mit der finnischen Lehrerin und der Gründerin der Lodge. Mehr brauche ich heute nicht. Dieser Ort ist einfach zu schön, um mehr zu tun, als den Moment auszukosten.
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Die GPX Datei enthält den Track und die POI der Strecke „Naturkontraste in Tansania – Kilimanjaro und die Usambara Berge“
Autor und Inhaber der Marke Motoglobe