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Nach Kamerun ans Meer

Nach Kamerun ans Meer

10.03.2026 routen >> afrika hautnah

Die Strecke von Quesso bis zur Grenze nach Kamerun verläuft über 300 km durch den Dschungel. Auf der kamerunischen Seite erwartet mich dann in etwa nochmals das Gleiche. Die Strassenverhältnisse sollten weiterhin gut sein. Somit wäre nur noch die Benzinfrage zu klären. Zum Glück schaute ich gestern, als ich ins Restaurant fuhr, auf dem Rückweg bei der Total-Tankstelle vorbei. Und siehe da, sie hatten Benzin. Ich nutzte die Chance, füllte gleich den Tank und nahm noch vier Liter zusätzlich in die Benzinblase. So komme ich bis in die nächste grössere Stadt in Kamerun, wo es wieder normal Benzin geben sollte.

 

Gestern wechselte ich zudem die vorderen Bremsbeläge. Das ausgelaufene Gabel Öl wurde von den Bremsbelägen aufgesaugt, was deren Bremsleistung drastisch reduzierte. Ich hatte gehofft, dass sie sich unterwegs nach einigem Gebrauch wieder erholen, was leider nicht der Fall war. Und da ich Ersatzbeläge dabeihabe, ist es Zeit, die volle Bremsleistung wieder herzustellen, bevor ich in Kamerun in höheres Verkehrsaufkommen hineinfahre.

 

Einmal mehr wird mir heute Morgen das Frühstück in den Bungalow gebracht, was ein super Service ist. Ich bedanke mich dafür mit einem angemessenen Trinkgeld, was die Mitarbeiterin sichtlich freut. Danach heisst es wie immer, wenn es weitergeht, die Honda zu bepacken.

 

Beim Stadtverlassen komme ich an der Total-Tankstelle vorbei. Sie ist bereits wieder geschlossen. Die Benzinknappheit ist hier im Norden ein Problem. Danach geht es einige Kilometer auf der gleichen Strecke zurück, wie ich in die Stadt reingefahren bin, um anschliessend nach Westen abzubiegen. Ab dann verläuft meine Fahrt ausschliesslich durch den Dschungel. Die einzige Abwechslung bieten die regelmässig auftauchenden kleinen Siedlungen. Sicherlich kein einfaches Leben hier im Dschungel.

 

Von Weitem sehe ich das grelle Licht eines Motorrads. Das muss eine grössere Maschine sein. Es dauert nicht lange und sie braust an mir vorbei. Eine bepackte Ducati Desert. Leider macht der oder die Fahrerin keine Anstalten zu halten, sondern winkt einfach und braust weiter. Da kann ich nur den Kopf schütteln. Motorradreisende, die sich im Dschungel des Kongos kreuzen und nicht anhalten und sich austauschen, sind einfach ein No-Go.

 

Eine halbe Stunde später kommt mir erneut ein grösseres Motorrad entgegen. Dieses Mal bemerke ich sofort, dass die Fahrt abgebremst wird, was ich natürlich ebenfalls mache. Wir begrüssen uns. Er heisst Frederico, kommt aus Italien und ist seit 14 Monaten auf der Westroute in Richtung Südafrika unterwegs. Er schwärmt mir vor, wie schön die Bergwelt im mittleren Teil von Kamerun ist, wo man auf miserablen Pisten über die Grenze nach Nigeria fahren kann. Etliche Reisende nehmen diese Route, weil sie anscheinend sicherer ist als über die Grenze weiter südlich. Das gesamte Grenzgebiet zu Nigeria ist seit Langem eine anhaltende Konfliktzone zwischen dem englischsprachigen und dem viel grösseren französischsprachigen Teil Kameruns. Offiziell ist die Grenze auf der kamerunischen Seite über die Bergpisten gar nicht geöffnet, weshalb man meistens keinen Aus- oder Einreisestempel bekommt. Bis anhin kümmert das die Offiziellen jedoch wenig, was vor allem Motorradreisende dazu bewegt, sich dort durchzukämpfen. Zum weiter südlichen offiziellen Grenzposten bei Ekok kann man wegen des anhaltenden Konflikts nicht allein hinfahren, sondern muss sich einem zwei Mal in der Woche fahrenden Militärkonvoi anschliessen.

 

Ich bedanke mich bei ihm für die Infos und gebe ihm einige Tipps für die Fahrt durch den Kongo und anschliessend nach Cabinda. Danach rauscht er auch schon wieder davon. Abends bemerke ich, dass ich mit ihm über eine WhatsApp-Chatgruppe schon einmal in Kontakt war und wir damals verblieben sind, dass sich eventuell unsere Wege kreuzen, was nun der Fall war. Ich schreibe ihm deshalb noch eine Nachricht dazu.

 

Zwei Stunden später gelange ich zum kongolesischen Grenzposten nach Kamerun. Ein über die Strasse gespanntes Seil stoppt mich und der Polizist meint, ich müsse hinüber zu den Holzhäusern. Dort seien die Immigration und der Zoll. Gesagt, getan, und ich parke gleich darauf die Honda vor den Häuschen. Ein auf der Veranda sitzender Beamter schickt mich gleich ins nächste Häuschen, wo die Immigration ist. Ein korpulenter Typ sitzt dort breitbeinig drin und schaut sich lautstark Videos an. Nicht gerade ein vertrauenserweckendes Bild. Ein anderer Beamter weist mich darauf hin, dass ich draussen warten soll, bis ich hereingerufen werde. Ein weiteres Zeichen, dass es mühsamer werden könnte.

 

Nach einer Weile werde ich hereingerufen. Der videoschauende Typ schaut auf und redet mit seinem kaum verständlichen kongolesischen Französisch auf mich ein. Ich grüsse freundlich und sage ihm, dass meine Französischkenntnisse nicht die besten sind und ich ihn leider nicht verstanden habe. Darauf bekomme ich einen bösen Blick zugeworfen, und das war’s. Er widmet sich wieder den Videos auf seinem Handy. Ich übe mich wie üblich in solchen Situationen in Geduld und warte einfach stehend vor seinem Pult. Etwas später kommt ein anderer Beamter herein, der minimal Englisch kann. Er fragt mich nach weiteren Minuten des Nichtstuns, was ich will. Ich erwidere, dass ich aus dem Kongo ausreisen möchte und nach Kamerun gehe. Er nickt und sagt, ich solle mich auf die Bank an der Wand setzen und meinen Pass dem anderen Beamten auf den Tisch legen. Kaum sitze ich, kommen drei muslimisch gekleidete Männer herein, was schnurstracks zu einer lauten Diskussion zwischen den beiden Beamten und den drei Männern führt. Das dauert gefühlt eine Ewigkeit und hört erst auf, als einer der Männer umgerechnet etwa 50 Euro auf den Tisch legt, die rasch in der Schublade der Beamten verschwinden.

 

Danach widmet sich der etwas Englisch sprechende Beamte wieder mir zu und meint, ich müsse alle Hotelübernachtungen auf meiner Reise durch den Kongo angeben. Die Frage nach dem Warum verkneife ich mir und starte mit dem Hotel in Quesso. Das ganze Prozedere dauert über eine halbe Stunde, weil der Beamte schlecht schreiben kann und bei jedem neuen Hotel sagt, dass die Strecke dazwischen viel zu lang sei und ich sicher noch anderswo geschlafen hätte. Ich verweise dann immer auf mein für ihre Verhältnisse sehr schnelles Motorrad, was ihn wieder beruhigt.

 

Nachdem alles notiert ist, ruft er einen weiteren Beamten herein, der nun das Ganze von seinem Zettel in ein dickes Buch überträgt. Und da er ebenfalls Mühe mit dem Schreiben hat, dauert das erneut eine Ewigkeit.

 

Zwischendurch kommen und gehen lokale Grenzgänger, wovon einer, so wie ich das verstehe, ohne Papiere über die Grenze will, was er vermutlich bis anhin konnte. Dieses Mal scheint sein Glück vorbei zu sein und die beiden Beamten schimpfen auf ihn ein und schicken den verdutzten Mann mit heftigen Bewegungen aus dem Holzhaus. Als dann die Einträge im Buch endlich fertig sind, bekomme ich den Stempel in den Pass geknallt und diesen mit einer unfreundlichen Bewegung zurück.

 

Wieder draussen ruft mich gleich ein Polizist zu sich ins Holzhaus. Er ist das pure Gegenteil der anderen beiden Beamten und freut sich, dass er etwas Englisch mit mir sprechen kann. Er trägt meine Passdaten in eines seiner Bücher ein und schickt mich danach in die nächste Baracke, um mein Carnet abstempeln zu lassen. Auch hier empfängt mich ein äusserst freundlicher Beamter, der danach sogar mit mir rauskommt und ein Foto von meinem Motorrad und uns zusammen machen will. Dafür spannt er den vorherigen Polizisten ein.

 

Wieder bei der Seilabsperrung fragt mich der Polizist, ob ich alles erledigt habe, worauf ich nicke. Er glaubt es jedoch nicht und ruft zur Immigrationsbaracke hinüber, ob ich gehen kann. Diese gestikulieren wie wild herum und ordnen mich zurück, was ich natürlich nicht will. Ich sage dem Polizisten, es sei alles in Ordnung und er soll mich durchlassen. Das will er aber nicht und besteht darauf, dass ich zurückfahre. Nun gut. Wieder bei der Immigration sind nun alle versammelt. Die beiden unfreundlichen Immigrationsbeamten plus der freundliche Polizist und der Zollbeamte. Sie diskutieren wild herum und irgendwann meint dann der etwas Englisch sprechende Polizist zu mir, dass es ein Durcheinander gibt. Die beiden Immigrationsbeamten seien davon ausgegangen, dass ich in den Kongo einreisen möchte, weshalb sie mir einen Einreisestempel in den Pass gedrückt haben. Ich habe zwar wie üblich den Stempel kurz geprüft, aber hauptsächlich auf das Datum. Der kaum leserliche Hinweis „Entrée“ ist kaum erkennbar. Nach weiterem Palaver unter den Beamten entscheiden sie sich, einfach auf den Stempel gross „Sortie“ hinzuschreiben. Mir ist das grundsätzlich egal, weil die Daten alle nicht in einem System erfasst werden, sondern noch wie früher nur mittels Stempel. Von daher spielt es für mich keine Rolle. Würde ich jemals wieder in den Kongo-Brazzaville zurückkommen, wäre dies vermutlich mit einem neuen Pass, in dem nirgends darauf hingedeutet würde, dass die Stempel falsch waren. Wieder zurück auf der Honda kann ich dann endlich durch die Absperrung nach Kamerun hinüberfahren. Was für eine chaotische und unfreundliche Ausreise aus dem Kongo.

 

Auf der kamerunischen Seite läuft es dafür genau gegenteilig. Innert 15 Minuten bin ich durch bei Immigration, Polizei und Zoll und kann ins kurz darauffolgende Dorf rollen, wo ich in einem einfachen Guesthouse übernachte. Geld muss ich für einmal nicht besorgen, weil Kamerun sowie der Kongo in der gleichen Geldunion sind, und von Martin habe ich seine SIM-Karte bekommen, die ich in einem kleinen Geschäft an der Strasse mit Daten aufladen kann. Zum Schluss des Tages gibt es einen gegrillten Fisch aus dem angrenzenden Fluss, an dem kaum etwas dran ist, mit einer doppelten Portion Reis.

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An meinen Frühstückstisch gesellt sich ein Einheimischer und wünscht mir guten Appetit. Er zeigt auf seinen Teller und meint, das sei Krokodil, etwas Besonderes. Schaue ich auf meinen Teller, liegt dort auch etwas Besonderes, ein Omelett mit Spaghetti angereichert. Ich muss lachen und wünsche ihm ebenfalls einen guten Appetit. Als ich nach dem Essen noch eine Flasche Wasser für unterwegs bestelle, bekommt mein Tischnachbar eine grosse Flasche Bier gereicht. Auch da unterscheiden sich unsere Frühstücksgewohnheiten.

 

Eine halbe Stunde später fahre ich aus dem Innenhof des Guesthouses hinaus und werde bereits einige hundert Meter später vom ersten kamerunischen Checkpoint gestoppt. Eine grosse Tafel weist darauf hin, dass dies eine Zollkontrolle ist. Der Beamte nimmt es genau, stoppt mich mit einer energischen Handbewegung und fordert mich sofort auf, meinen Helm abzuziehen. Ich bleibe freundlich, begrüsse ihn und frage, wie es geht. Er verzieht keine Miene und fragt mich auf Französisch, wo ich herkomme und wo ich hinwill. Unfreundlichkeit am Morgen mag ich noch weniger als sonst, weshalb ich mit den Schultern zucke, und auf Englisch antworte, dass ich ihn nicht verstehe. Das nützt, denn jetzt wird er unsicher, da er mir die gleiche Frage mit seinem gebrochenen Englisch nochmals stellen muss. Als Antwort texte ich ihn einfach mit drei oder vier langen Sätzen zu, sodass er nicht viel von dem versteht, was ich sage. Das hat seine Wirkung und er winkt mich durch und murmelt sogar ein „Have a good trip“.

 

Die nächsten 200 km bis zur ersten grösseren Stadt verläuft meine Strecke erneut durch den Dschungel und ich stelle mich mental darauf ein, nicht viel anderes zu Gesicht zu bekommen. Bevor ich aber Gas geben kann, werde ich erneut von einem Checkpoint gestoppt, dieses Mal von der Polizei. Der Beamte spricht mich sogleich auf Englisch an und verlangt meinen Pass. Danach gibt er mir zu verstehen, dass ich warten soll. Er bringt den Pass zu einem anderen Beamten, der an einem langen Tisch sitzt und jetzt meine Daten in ein Buch einträgt. Das war es dann auch schon und ich kann weiterrollen. Einige Kilometer später nochmals das gleiche Spiel. Polizeikontrolle mit Eintrag meiner Passdaten in eines ihrer Bücher. Erst dann wird es ruhiger und ich kann fahren.

 

Was in Kamerun sofort auffällt, sind die Holztransporte, die jetzt alle paar Kilometer vor mir auftauchen. Sie sind mit riesigen Baumstämmen beladen, die sie aus dem Dschungel holen. Entsprechende Schneisen, die tief in den Dschungel führen, tauchen ebenfalls alle paar Kilometer links und rechts der Hauptstrasse auf. Wie ich später erfahre, ist die Abholzung der Baumriesen, die über Hunderte von Jahren alt sind, seit langem im vollen Gange. Abnehmer sind die westlichen, allen voran die Franzosen, sowie asiatische Staaten.

 

Auch die Behausungen ändern sich. Lehmhäuser werden immer mehr von Betonhäusern ersetzt und die einfachen Betonhäuser von eigentlichen Villen. Viele davon sind nicht fertig gebaut oder zerfallen bereits wieder. Vermutlich ist es ein Ausdruck der sich laufend verändernden wirtschaftlichen Situation im Land.

 

Djoum, die erste grössere Stadt auf meiner Route, entpuppt sich als relaxter Ort, wo ich bei der örtlichen Total-Tankstelle wieder einmal ohne nachfragen zu müssen einfach Benzin tanken kann und im angegliederten Shop Wasser, Snacks und einen guten Kaffee bekomme. Dabei werde ich von etlichen Leuten angesprochen, die sich alle bemühen, so gut sie können Englisch zu sprechen. Hier wird nicht mehr davon ausgegangen, dass ich einfach Französisch kann.

 

Gestärkt nehme ich die nächsten 100 km unter die Räder, auf denen die Anzahl Siedlungen mehr und mehr zunimmt und den Dschungel einige hundert Meter zurückdrängt. In Sangmélima ankommend, finde ich eine schöne Unterkunft, wo ich eine Stunde später ein feines Nachtessen bekomme. Danach relaxe ich und plane meine morgige Weiterfahrt ans Meer.

Mein nächstes Ziel ist Kribi, ein bekannter Badeort für die kamerunische Bevölkerung. Er liegt wenige Autostunden von den zwei Grossstädten Douala und Jaunde entfernt und zieht viele Besucher an. Trotzdem sollen die Strände noch recht unberührt sein. Zudem liegt der Ort ideal, um in einigen Tagen den Militärkonvoi ab Buea zur Grenze von Nigeria nehmen zu können.

 

Die direkteste Verbindung nach Kribi ist mindestens zur Hälfte eine Dschungelpiste, die je nach Nässe gut oder schlecht befahrbar ist. Dieser Abschnitt ist 150 km lang, was mindestens fünf bis sechs Stunden Zeit in Anspruch nehmen würde. Für die Strecke bis zu diesem Abschnitt, nochmals 100 km, habe ich leider keine Informationen, wie die Strassenbeschaffenheit ist. Diese 250 km würde ich also sicher nicht an einem Tag schaffen.

 

Die längere Route über Jaunde ist dafür durchgehend geteert und gemäss Informationen in einem guten Zustand. Ich entscheide mich deshalb für diese Route in der Hoffnung, dass ich die Strecke an einem Tag schaffe. Entsprechend starte ich den Honda-Motor bereits um 07.30 Uhr und mache mich auf den Weg. Beim Ortsausgang der Stadt stoppt mich ein utopisch anmutendes Monument mitten in einem Kreisel. Es sieht ein wenig aus wie eine UFO-Station. Wie ich am Abend herausfinde, ist es ein Monument zu Ehren des amtierenden Präsidenten.

 

Je mehr ich mich der Hauptstadt Jaunde nähere, desto mehr Checkpoints tauchen auf. Zum Glück lassen sie mich überall durchfahren. Das Gleiche gilt für die Mautstationen, wo ich als Motorradfahrer nichts bezahlen muss.

 

Etwa 50 km vor der Stadt kann ich auf eine gut ausgebaute Autobahn abbiegen, auf der ich das Stadtgetümmel umgehen kann und in einem der Aussenbezirke auf die Verkehrsachse an die Küste abbiegen lässt. Die Autobahn wäre für Motorräder zwar gesperrt. Der Hauptgrund dafür wird aber sein, dass ihre Kleinmotorräder nicht die geforderten 80 km/h fahren können, ich aber schon. Zudem interessiert das niemanden, da es ausser bei den Checkpoints keine Polizei gibt, die unterwegs ist. Eine Stunde später habe ich den Hauptverkehr der Stadt bereits wieder hinter mir und lege erneut bei einer Total-Tankstelle einen Benzin- und Versorgungsstopp ein.

 

Zwei Stunden später mache ich das Gleiche bei der Total Tankstelle in der Stadt Edea, wo sich die Verkehrswege nach Douala und Kribi teilen. Ich halte mich nach links und hoffe, dass auf den letzten 100 km bis zum Küstenort die Strasse weiterhin so gut in Schuss bleibt.

 

Je näher ich dem Meer komme, desto heisser und drückender wird das Klima. Solange ich über 60 km/h fahren kann, kühlt der Fahrtwind immer noch angenehm ab. Alles darunter heisst Schweissausbruch innert Minuten. Und leider kommt das jetzt öfter vor, weil einige Abschnitte der Strasse mit Löchern übersät sind und mein Tempo drastisch reduzieren.

 

Trotz allem erreiche ich Kribi bereits um 16.00 Uhr, was ich mir heute Morgen noch nicht vorstellen konnte. 440 km in Afrika an einem Tag sind aussergewöhnlich und vor allem in dieser Zeit. Positive Überraschungen sind immer gut. Hätte es nicht geklappt, hätte ich zwei Übernachtungsmöglichkeiten unterwegs auf Lager gehabt.

 

In Kribi habe ich über iOverlander eine Pension gefunden, die von einer Deutschen geführt wird. Leider hatte ich keine WhatsApp-Nummer für eine Reservation, fand aber heraus, dass ich über Airbnb bei ihr buchen kann, was ich für zwei Nächte gemacht habe. Gefällt es mir, bleibe ich eventuell länger. Die Pension liegt auf der anderen Seite der Stadt. Beim Durchfahren fallen sofort die vielen Besucher auf. Die Restaurants direkt am Meer sind alle voll und am Strand hat es überall Leute. Kein Wunder, es ist Samstag.

 

Die Unterkunft finde ich auf Anhieb und werde von einer Mitarbeiterin begrüsst. Sie führt mich in ein kleines Nebenhaus, wo ein muffeliges Zimmer auf mich wartet. Ich sage ihr, dass ich über Airbnb gebucht habe und das sicher nicht das Zimmer ist, welches ich reserviert habe. Daraufhin nimmt sie ihr Telefon und ruft die Gastgeberin an. Es dauert eine Weile, bis sie sie erreichen kann. Danach reicht sie mir das Telefon. Ich erkläre Renate, so heisst die Gastgeberin, dass ich mit dem Zimmer nicht einverstanden bin, weil das nicht dem entspricht, was sie auf Airbnb angeboten hat. Daraufhin meint sie, dass sie meine Reservierung erst gestern Abend spät erhalten hat und zwei Stunden vorher eine deutsche Familie mit lokalem Fahrer die zwei letzten leeren Zimmer im Haupthaus belegt hat. Da ich zu müde bin, um mir eine andere Bleibe zu suchen, entscheide ich trotzdem hier zu bleiben, jedoch nicht ohne es mit ihr nochmals zu besprechen, wenn sie am Abend zurückkommt.

 

Beim Nachtessen, es gibt leckeren Fisch, setze ich mich zur deutschen Familie und ihrem Fahrer. Sie sind für zwei Wochen in Kamerun unterwegs. Sie haben in Deutschland einen kamerunischen Bekannten, der sie mit nach Kamerun begleitet hat, jedoch in Jaunde geblieben ist, weil er sich dort ein Haus baut. Sie sind deshalb mit einem von ihrem Bekannten engagierten Fahrer unterwegs. Während des Essens taucht Regina auf und offeriert mir, dass ich morgen ein Zimmer im Haupthaus bekomme, weil die deutsche Familie und der Fahrer abreisen. Ich belasse es dabei und warte, bis ich morgen das Zimmer beziehen kann, um zu entscheiden, ob ich etwas länger bleibe und dann einen reduzierten Preis verlange, weil das jetzige Zimmer nicht das bietet, was der Preis widerspiegelt.

Nach dem Frühstück kommt die deutsche Familie von einem Ausflug zu einem naheliegenden Pygmäendorf zurück. Die Bewohner leben noch sehr traditionell und man kann sie auf einen Waldrundgang begleiten und sehen, wie sie Fallen stellen und Essen sammeln. Der Guide tauchte gestern Abend nach dem Essen auf und sie handelten mit ihm den Preis aus. Er scheint seriös zu sein, da er sowohl in ihrem Reiseführer erwähnt wird als auch unsere Gastgeberin ihn kennt.

 

Ihre Gesichtsausdrücke lassen mich jedoch erahnen, dass sie nicht zufrieden sind. Sie erzählen dann auch, dass sie einfach während einer Stunde mitgelaufen sind und dabei nichts erfahren haben, weil die Bewohner kaum reden und der Guide nur wenig erzählt hat. Zudem machte alles für sie einen etwas gestellten Eindruck. Auch wenn hier wenige Touristen aus dem Westen auftauchen, haben die indigenen Waldbewohner schnell gemerkt, dass mit ihnen viel Geld zu verdienen ist, weil viele westliche Besucher davon ausgehen, dass sie hier noch Stämme treffen, die kaum von der modernen Welt beeinflusst werden. Leider ein grosser Trugschluss. Denn wenn es noch solche Völkergruppen gibt, schirmen sich diese konsequent ab.

 

Eine Stunde später verabschieden wir uns. Sie fahren zurück nach Jaunde. Gegen Mittag kann ich dann eines der frei gewordenen Zimmer beziehen, was dem entspricht, was ich gebucht und bezahlt habe.

 

Nachmittags begebe ich mich an den Strand, der über einen Fussweg innert Minuten erreichbar ist. Ausser mir ist niemand an diesem Strandabschnitt, was schon aussergewöhnlich ist. Trotz Meeresbrise ist es erdrückend heiss und ich setze mich unter eine Palme in den Schatten. Etwas erholt, klettere ich über einige Steine zum nächsten Strand um die Ecke. Auch hier sind nur wenige Besucher unterwegs. Dafür alles westliche Touristen, die im Vier-Sterne-Hotel, welches direkt am Strand liegt, übernachten. Im angenehmen Strandrestaurant bekomme ich eine eisgekühlte Coca-Cola und eine grosse Flasche Wasser. Kaum habe ich mich hingesetzt, kommt einer der lokalen Souvenirverkäufer zu mir und versucht, mir etwas zu verkaufen. Ich erzähle ihm, dass ich mit dem Motorrad durch Afrika reise und keinen Platz für Souvenirs habe. Würde ich überall etwas kaufen, hätte ich auf einen Lastwagen wechseln müssen. Das findet er lustig und als er hört, dass ich aus der Schweiz komme, hat er natürlich sofort ein Bild einer Freundin bereit, die er hier kennengelernt hat und aus Zürich kommt. Schlussendlich quatschen wir über eine halbe Stunde und am Schluss schenkt er mir einen Muschelarmreif als Andenken. Ich bedanke mich und biete ihm etwas Geld an, was er aber nicht will. Von einem Souvenirverkäufer beschenkt zu werden, habe ich bis anhin auch noch nicht erlebt. Schöne Geste und danke dafür.

 

Den Rest des Nachmittags verbringe ich auf der schattigen Veranda meiner Unterkunft, wo gelegentlich ein angenehmer Luftzug vorbeibläst. Abends beim Essen verlängere ich bei Renate meinen Aufenthalt um zwei Nächte und bekomme dafür einen günstigeren Preis, da ich die Buchung nicht über Airbnb mache und sie mir noch etwas schuldig ist für die erste Nacht.

Eigentlich wollte ich bereits in der Nacht von gestern Dienstag auf heute Mittwoch den Militärkonvoi durch das Rebellengebiet bis zur nigerianischen Grenze nehmen. Weil aber heute mit dem Tag der Jugend ein nationaler Feiertag mit Umzügen in allen grösseren Ortschaften ist, hat mir meine Gastgeberin davon abgeraten, heute auf den Strassen unterwegs zu sein. Der nächste Konvoi begibt sich in der Nacht von Freitag auf Samstag auf den Weg. Somit bleibe ich insgesamt vier Tage in Kribi, die ich mit Entspannen, Strandspaziergängen und zwei Shoppingtouren in die Stadt verbringe.

 

Gleich bei mir in der Nähe fliesst der Fluss Lobé ins Meer. Dies geschieht über kleinere Wasserfälle, was zu einer vermarkteten Sehenswürdigkeit geworden ist. Die Fälle sind hübsch anzusehen, aber mehr nicht. Das Ganze darum herum ist eher ein Hype für die Stadtmenschen.

 

Morgen Donnerstag geht es weiter in die Nähe der Stadt Buea, von wo der Konvoi losfährt. Die Stadt als solches liegt, bereits im Rebellengebiet, weshalb es ratsam ist, sich dort nur solange aufzuhalten, wie es nötig ist. Die Fahrt von dort bis zur 300 km entfernten Grenze wird vermutlich eine Herausforderung, weshalb es gut ist, dass ich jetzt einige Pausentage habe. Hinzu kommt, dass ich Nigeria ohne Pausentag durchqueren werde. Die allgemeine Sicherheitslage ist zurzeit zu angespannt, als dass ich grössere Ausflüge und Sehenswürdigkeiten unternehmen kann.  Auch diese Tage werden eher anstrengend werden.

Route und Downloads

Track & POI meiner Route

Die GPX Datei enthält den Track und die POI der Strecke „Nach Kamerun ans Meer“

Bild von Christian Feustle
Christian Feustle

Autor und Inhaber der Marke Motoglobe

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