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Kenia, Regen und Iten, die Heimat der Laufchampions

Kenia, Regen und Iten, die Heimat der Laufchampions

17.08.2025 routen >> afrika hautnah

Das Wetter spielt leider nicht mehr mit. Auf meiner Route durch Uganda nach Kenia ist für die nächsten Tage Regen gemeldet. Als ich losfahre, verleiht der dichte Dunst das Gefühl, dass es bereits am Eindunkeln ist. Wenigstens bleibt das Wasser vorerst im Himmel.

 

Die Grenze, die wir vor ein paar Tagen mit dem Auto zurück nach Ruanda überquert haben, erreiche ich nach knapp einer Stunde. Uganda ist weniger strickte als Ruanda, weshalb ich mein Gepäck nicht zuerst durch den Scanner lassen muss. Ich kann die Honda deshalb direkt vor dem Zollgebäude abstellen und mich in die Schlange bei der Immigration einreihen. Da gerade ein Bus angekommen ist, sorgen die vielen Passagiere für eine längere Warteschlange.

 

Nachdem die ruandische Immigration meinen Ausreisestempel gesetzt hat, gehe ich weiter zur Immigration von Uganda. Kaum stehe ich hinten an, ruft mich ein Beamter nach vorne. Ich erkläre ihm, dass ich mich wie alle anderen hinten anstellen kann. Er zeigt daraufhin nach oben und sagt, dass dieser Schalter extra für Touristen geöffnet ist und sie jederzeit nach vorne dürfen. Das leuchtet mir ein. Also warte ich gleich neben ihm, bis ich an der Reihe bin. Da ich mit meinem East African Tourist Visa während drei Monaten mehrfach in Uganda ein- und ausreisen kann, knallt mir der Zöllner den Einreisestempel ohne Fragen in den Pass.

 

Als Nächstes gehe ich in der Halle zum ruandischen Zollschalter, wo mein Carnet abgestempelt werden muss. Der Beamte stempelt den Teil für die Ausreisebestätigung, ist danach aber unsicher, welcher Teil für ihn bestimmt ist und bittet mich um Hilfe. Ich reisse die Ausfuhrseite heraus, gebe sie ihm und erkläre, dass das alles ist, worauf er sich bedankt. Dann zeigt er mir, wo ich den ugandischen Zoll finde.

 

Im Büro sitzen zwei Afrikaner und eine Europäerin mit starkem französichem Akzent, die mit dem Zollbeamten über eine Strafe von 200 Dollar diskutieren. Nach ein paar Minuten blickt der Beamte mich an und fordert mich auf, die Einfuhrseite aus meinem Carnet herauszureissen. Kaum habe ich sie ihm überreicht, drückt er mir auch schon den Einfuhrstempel auf die Carnetseite. Das war’s. Eigentlich müsste ich noch 60 Dollar Straßenbenutzungsgebühren bezahlen. Doch ich kann das Büro kommentarlos verlassen und werde anschliessend an der Ausfahrtsschranke ohne Nachfrage durchgewinkt. Solange Carnet und Pass korrekt gestempelt sind, interessieren mich Straßensteuer und eventuelle Motorradversicherung wenig. Bisher war es in allen Ländern gleich: Motorradfahrer werden nicht von der Polizei gestoppt und kontrolliert.

 

Ein paar Kilometer später halten mich drei Soldaten an, was mir gar nicht gefällt. Schnell wird klar, dass sie auf etwas aus sind. Zuerst machen sie Small Talk, dann erwähnen sie, dass sie schon lange nichts gegessen hätten und sie der Hunger plagt. Ich drücke mein Bedauern aus und erkläre, dass ich mit meinen begrenzten Gepäckmöglichkeiten kein Essen dabeihabe. Gerade in diesem Moment nähern sich zwei Autos. Die Soldaten treten auf die andere Strassenseite zur Seite, damit die Fahrzeuge passieren können. Ich nutze die Gelegenheit, rolle los und schiebe mich zwischen die beiden Autos. Dabei winke ich den Soldaten noch zu, was sie lachend quittieren. Dank den beiden Autofahrern bin ich glimpflich aus der Situation herausgekommen. Eine halbe Stunde später halte ich in Kabale vor einem neuen Café, das wir vor ein paar Tagen entdeckt haben, und gönne mir einen Cappuccino.

 

Zurück auf der Enduro kurve ich die nächsten 70 Kilometer auf derselben Strecke, die wir mit dem Auto schon zweimal gefahren sind. Ich fahre deshalb etwas flotter als sonst. Plötzlich sehe ich im Rückspiegel die Silhouette eines größeren Motorrads – das könnte eine Yamaha T7 sein. Kaum gedacht, braust sie auch schon an mir vorbei. Ugandisches Kennzeichen, kein Gepäck – vermutlich ein einheimischer Biker.

 

Bei Ntungamo, wo wir mit dem Auto abgebogen sind, bleibe ich nun auf der Hauptstraße und rolle weitere 30 Kilometer bis zu meiner heutigen Unterkunft. Sie liegt außerhalb einer kleinen Ortschaft. Ich werde freundlich begrüßt und durch die schöne Anlage zu meinem Zimmer geführt. Eine Stunde später wird mir das Abendessen direkt aufs Zimmer gebracht – was für ein Service! Während ich esse, wird im Garten laute Musik aufgedreht. Immer mehr Leute kommen, unterhalten sich laut, um die Musik zu übertönen. Was für ein Tag ist heute eigentlich? Oh nein, Samstag. Es ist tatsächlich eine Wochenendparty, die erst gegen zwei Uhr morgens mit Gegröle und aufheulenden Motoren endet.

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Noch bevor es hell wird, höre ich das Rattern von metallischen Rollläden, die irgendjemand hochzieht. Der Lärm ist so durchdringend, dass an weiterschlafen nach der ohnehin lauten Partynacht nicht mehr zu denken ist.

 

Um acht Uhr will ich frühstücken, was sich schwieriger gestaltet als gedacht – niemand ist auffindbar. Nach einigem Herumirren und Rufen schicke ich schließlich eine WhatsApp-Nachricht an die Unterkunft. Kurz darauf taucht ein Mitarbeiter aus einer Tür auf, entschuldigt sich und bringt mir schnell mein Frühstück.

 

Heute habe ich eine lange Strecke von rund 300 Kilometern vor mir. Sie führt mich durch Kampala, die Hauptstadt Ugandas, die berüchtigt ist für ihren chaotischen Verkehr. Ich hoffe, dass es an einem Sonntag etwas besser läuft.

 

Trotz des verspäteten Frühstücks sitze ich um neun Uhr auf dem Motorrad. Anfangs ist der Verkehr noch überschaubar und bis Masaka, 150 Kilometer entfernt, komme ich gut voran. Doch dann setzt auch am Sonntag der Schwerverkehr ein. Autos überholen LKWs, wo immer sich nur eine winzige Lücke auftut – egal, ob ich gerade entgegenkomme. Als Motorradfahrer bin ich gezwungen, mich auf den schmalen Randstreifen zu verziehen. Die Straße gehört eindeutig den Autos und Lastwagen, deren Fahrer mit der Lichthupe unmissverständlich klar machen: „Platz da, ich komme jetzt!“ Das macht das Fahren anstrengend und gefährlich. Baustellen und kurz vor Kampala ein heftiges Gewitter, das mich zu einer einstündigen Pause zwingt, tun ihr Übriges.

 

Je näher ich der Hauptstadt komme, desto dichter wird der Verkehr. Zum Glück bleibe ich in keinem Stau stecken und erreiche die Express-Umfahrung. Ob Motorräder dort eigentlich erlaubt sind, war im Vorfeld schwer herauszufinden. Doch als ich sehe, dass jede Menge Mofataxis einfahren, nehme auch ich die vierspurige Straße. Und tatsächlich: Statt Verkehrschaos geht es erstaunlich zügig voran, und für die 30 Kilometer um Kampala herum brauche ich nur eine halbe Stunde.

 

Auf der anderen Seite sieht es anders aus: eine einspurige, verstopfte Straße in Richtung Jinja. Nach einer halben Stunde Stopp-and-Go lichtet sich der Verkehr langsam, und ich komme wieder vorwärts. Bei einer Tankstelle mache ich Pause und beschließe, die letzten 60 Kilometer bis Jinja durchzufahren. Es ist erst 15 Uhr, also bleibt genügend Zeit. Über die App buche ich mir ein Zimmer in einer Unterkunft, die ich mir schon gestern vorgemerkt habe – damals noch mit offenem Ende, ob ich es überhaupt so weit schaffen würde.

 

Um nach Jinja zu gelangen, muss ich den Nil überqueren. Als ich auf die neue große Brücke zufahre, stoppt mich ein Schild: Motorräder verboten. Auf der Karte habe ich gesehen, dass es zwei Brücken gibt – also fahre ich zurück und finde über eine kleine Nebenstraße die alte Brücke, die fast wie ein Damm wirkt. Hier sind Autos verboten, dafür dürfen Motorräder fahren.

 

Kurz darauf erreiche ich meine Unterkunft. Im Garten des angeschlossenen Restaurants stehe ich plötzlich zwischen unzähligen weißen Gesichtern. Auf meine Nachfrage beim Einchecken, ob hier eine Touristengruppe abgestiegen sei, bekomme ich ein überraschendes Lächeln zur Antwort: „Nein, das sind alles Locals, die hier ihren Sonntagnachmittag verbringen.“

Heute regnet es nicht nur einmal kurz, sondern gleich den ganzen Tag. Jemand hat mir einmal erzählt, in Afrika würde es nie durchgehend regnen, sondern immer nur stundenweise, dann käme die Sonne zurück. Für diesen Tag stimmt das sicher nicht.

 

Für mein Motorrad gilt in Kenia Carnet-Pflicht. Der Touring Club Schweiz verlangt dafür ein Depot in Höhe des Neuwerts des Fahrzeugs. Mein bisheriges Carnet deckt das nicht ab, deshalb habe ich ein neues beantragt und die Depotsumme entsprechend erhöht. Dieses Carnet ist aber erst ab dem 15.08.2025 gültig. Das heißt für mich: Ich kann frühestens in fünf Tagen nach Kenia einreisen. Also entscheide ich mich, zwei weitere Nächte in Jinja zu bleiben.

 

Am nächsten Tag zeigt sich die Sonne wieder. Nach dem Frühstück mache ich einen Spaziergang – mein erstes Ziel ist der Ursprung des Nils. Nun, ganz so eindeutig ist das nicht. Ruanda und Burundi beanspruchen ebenfalls, dass der Nil in ihren Ländern entspringt. Was genau stimmt, weiß ich nicht. Sicher ist aber, dass hier in Jinja der Weiße Nil aus dem Viktoriasee austritt, durch den Murchison Falls Nationalpark fließt, anschließend in den Albertsee gelangt und sich von dort weiter nach Norden schlängelt, bis er in Ägypten ins Mittelmeer mündet.

 

Überrascht wäre ich gewesen, wenn der Zugang nichts gekostet hätte. Acht Dollar Eintritt werden verlangt – und dafür bekommt man kaum etwas geboten. Eine Baustelle für ein neues Restaurant mit Aussichtsterrasse, dazu ein kleiner Zugangspunkt zum Nil. Kein Ort, an dem man lange verweilen möchte. Also spaziere ich weiter in Richtung Stadtzentrum, wo ich in einem gepflegten Restaurant mit Garten eine Kleinigkeit esse, und etwas trinke. Danach decke ich mich in einem kleinen Supermarkt mit Wasser und ein paar Biskuits für unterwegs ein. Den Rest des Tages verbringe ich entspannt im Garten meines Guesthouses.

Der Mount Elgon Nationalpark liegt in der Grenzregion zwischen Uganda und Kenia. Am Rande des Parks stürzt der grösste der Sipi-Wasserfälle 100 Meter in die Tiefe. Von dort führt eine kurvenreiche Strasse entlang des Nationalparks nach Kenia. Genau die richtige Strecke für mich.

 

Von Jinja bis ins 50 Kilometer entfernte Iganga muss ich erneut der verkehrsreichen Hauptstrasse folgen. Erst danach gelange ich auf eine wenig befahrene Route, auf der es kaum noch gefährliche Überholmanöver gibt. Ich kann entspannter fahren und die Umgebung wieder viel besser beobachten.

 

In Mbale, der letzten grösseren Stadt auf meiner Strecke, tanke ich das letzte Mal in Uganda auf. Wenige Kilometer später biege ich auf die Strasse zu den Sipi-Wasserfällen ab. Bald gewinne ich an Höhe, und die ersten Weitblicke zeigen sich mir.

 

Gemäss meinen Recherchen sieht man den grössten der Sipi-Wasserfälle am besten von einer Lodge aus, die ein Café betreibt. Den Parkplatz erreiche ich über eine kleine Schotterpiste. Danach steige ich einige Treppen hinunter, bis ich im Restaurant lande, wo ich mir zuerst einen Kaffee gönne. Zum Aussichtspunkt geht es über weitere Treppen nach unten. Ausser mir ist niemand da, und so mache ich es mir auf der Sitzbank gemütlich. Vor mir tost der Wasserfall in die Tiefe, was für ein grossartiger Anblick.

 

Eine Stunde später stehe ich vor dem Tor meiner Unterkunft und werde vom Inhaberpaar begrüsst. Sie ist Uganderin, er kommt aus Holland. Wie sich bald herausstellt, wird das Guesthouse von ihr geführt, während er sich hauptsächlich um den gemeinsamen Sohn kümmert. Es gibt also auch in Afrika Beziehungen, die nicht der gängigen Norm entsprechen.

 

Nach dem Abendessen, das hervorragend schmeckt, beschliesse ich, eine weitere Nacht zu bleiben. Die Anlage hat einen riesigen Garten zum Verweilen, und mein Zimmer ist angenehm gross. Zudem steht wieder einmal Waschen an – das passt perfekt, denn für den Vormittag ist viel Sonnenschein angesagt. Ideal für das Wäschetrocknen.

Der Ruhe- und Waschtag verläuft wie gewünscht. Nach dem Frühstück wasche ich gleich meine Sachen und hänge sie in die Sonne zum Trocknen. Dazwischen relaxe ich im Garten, überlege mir, was ich in Kenia besuchen möchte, plaudere ein wenig mit der Besitzerfamilie – und schon ist wieder Abend. Beim Abendessen zieht ein kurzes Gewitter auf und flutet alles, danach ist wieder Ruhe.

 

Nach einer erholsamen Nacht frühstücke ich zeitig, damit ich um 8 Uhr losfahren kann. Die Regenwolken sollen sich laut Vorhersage bis am Nachmittag zurückhalten und den Grenzübertritt hoffe ich in einer Stunde zu schaffen. Aber man weiss ja nie – also lieber früh los.

 

Die Strasse schlängelt sich bis zum Grenzübergang am Rand des Mount-Elgon-Nationalparks entlang und bietet Ausblicke auf den gegenüberliegenden Pian Upe Nationalpark mit seinen Vulkankegeln. Eine eindrucksvolle Kulisse.

 

Das ugandische Zollgebäude ist brandneu und ich bin der einzige Reisende. Die Grenzbeamtin sitzt draussen auf der Treppe in der Sonne. Ich grüsse sie, steige vom Motorrad und sie verschwindet ins Gebäude. Während ich den Helm abnehme, taucht ein älterer Mann auf, begrüsst mich und bietet mir an, meine letzten ugandischen Schilling in kenianische zu wechseln. Ich nicke und sage, dass ich nicht mehr viel habe, sie aber gerne bei ihm tauschen werde, sobald ich mit den Formalitäten fertig bin. Er erklärt mir freundlich, wo ich für Immigration, Zoll und medizinischen Check hinmuss.

 

Die Ausreise aus Uganda geht schnell: Im Immigrationsbüro bekomme ich nach zwei Minuten den Stempel, beim Zoll wird der zuständige Beamte kurz gesucht und dann ist auch das Carnet erledigt. Der medizinische Check entpuppt sich als reine Formsache – meine Daten werden in ein dickes Buch eingetragen, ich werde gefragt, ob es mir gut geht, und das war’s.

 

Auf der kenianischen Seite stehen die neuen Gebäude noch im Bau. Ein Polizist winkt mir zu, zeigt mir den Parkplatz und erklärt mir den Weg. Der Immigrationsbeamte wirkt etwas gelangweilt, freut sich aber sichtlich über Kundschaft. Er heisst mich willkommen, stempelt meinen Pass ab – mein East African Tourist Visa deckt auch Kenia ab – und fragt nur, wohin ich heute fahre. Als ich „Iten“ sage, nickt er, wünscht gute Fahrt und schickt mich in den oberen Stock zum Zoll.

 

Dort werde ich mit noch mehr Freundlichkeit empfangen – der Beamte reicht mir sogar die Hand, etwas, das ich bei meinen bisherigen Grenzübertritten noch nie erlebt habe. Er bittet mich, Platz zu nehmen, und bearbeitet mein Carnet. Dass darin noch keine Seite abgestempelt ist, erstaunt ihn, und ich erkläre, dass ich für Kenia ein neues Carnet besorgen musste. Er nickt, wirkt aber nicht ganz überzeugt – vermutlich hätte ich auch mit dem alten problemlos einreisen können. Aber egal: Er stempelt es ab und erklärt mir, dass ich in Kenia keine Strassengebühr bezahlen muss, weil mein Motorrad nur 300ccm hat. Perfekt. Ein weiterer Händedruck und ich stehe wieder bei der Honda. So angenehm und unkompliziert hatte ich schon lange keinen Grenzübertritt mehr.

 

Da der Grenzposten abgelegen liegt und nur wenige Touristen hier durchfahren, gibt es weder Geldwechsel noch SIM-Karten. Ich hoffe auf die nächste grössere Stadt. Die 70 Kilometer dorthin gehen schneller als gedacht: gute Strasse, wenig Verkehr, nur wenige Bremsschwellen. Doch das Stadtzentrum wirkt hektisch und überfüllt und mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich das Motorrad hier nicht unbeaufsichtigt stehen lassen sollte. Also verschiebe ich SIM-Karte und Geldwechsel auf Iten – ein paar kenianische Schilling habe ich ja schon.

 

Von hier aus gibt es zwei Möglichkeiten nach Iten: die kürzere, schnellere Hauptstrasse oder die längere, kurvenreiche Route durch die Berge. Da sich am Himmel noch keine Regenwolken zeigen, entscheide ich mich für die schönere Strecke. Sie dauert zwar eine Stunde länger, belohnt mich aber mit fantastischen Ausblicken und fast keinem Verkehr. Gegen Ende ziehen dunkle Wolken auf, doch ich schaffe es trocken bis nach Iten.

 

Iten hat seine Bekanntheit den weltbesten kenianischen Läuferinnen und Läufern zu verdanken, die hier trainieren. Seither zieht der Ort jedes Jahr Hunderte Laufbegeisterte aus aller Welt an, die auf 2’300 Metern Höhe ihre Leistung durch Höhentraining verbessern wollen.

 

Übernachten werde ich in einem kleinen Camp, das auf die Laufgäste spezialisiert ist und von einem Schweizer geführt wird. Beim Einchecken erklärt mir der Mitarbeiter, wo ich das Kaltwasserbecken, die Dusche, den Fitness- und Massageraum und den Speisesaal finde. Ich lache und erwidere, dass ich kein Läufer bin und mich nur der Speisesaal interessiert. Im Preis von 28 Euro ist die Halbpension inbegriffen.

 

Viele Gäste sind gerade nicht da. Beim Abendessen treffe ich nur eine Irin, die seit drei Wochen hier trainiert und schon letztes Jahr für einen Monat gekommen war. Sie erzählt, dass das Camp bis gestern voll war, die meisten aber am Morgen abgereist sind. Als ich mir zum Dessert einen Kaffee bestelle, tauchen zwei junge Japaner auf. Sie sind ebenfalls zum Lauftraining hier, sprechen aber kaum Englisch. Vermutlich haben sie ein komplettes Paket gebucht, das sie ohne Sprachkenntnisse von Japan bis nach Iten gebracht hat.

Im Kamariny Sports Ground kann man normalerweise kostenlos einige der besten Läuferinnen und Läufer beim Training beobachten. Wie mir gestern jedoch die Irin erzählte, wurde das Stadion vor zwei Wochen wegen Renovierungsarbeiten für längere Zeit geschlossen. Seither verlagern sich die Trainings auf die Straßen und Pisten in der Umgebung. Heute, am Samstagmorgen, sollen ab 06:00 Uhr zahlreiche Laufgruppen auf einer nahegelegenen Straße unterwegs sein.

 

Ich will mir das gerne anschauen, stelle meinen Wecker auf 06:45 Uhr, ziehe los – und stehe im strömenden Regen. Schöner Mist. Also zurück, die Motorradregenjacke überziehen und wieder hinaus zur besagten Kreuzung. Doch dort ist wenig los. Nur ein paar Einzelne laufen vorbei, ansonsten nur Regen, Regen, Regen. Nach einer Stunde bin ich komplett durchnässt und gebe auf. Zurück in der Unterkunft wechsle ich meine tropfnassen Hosen und gehe frühstücken. Dort treffe ich wieder die Irin, die mich fragt, ob ich draußen war. Ich nicke und erzähle, dass kaum jemand trainiert habe. „Kein Wunder bei dem Regen“, meint sie, „da verschieben die meisten ihr Training.“ Sie selbst sei auch nicht gegangen, weil sie sich krank fühle.

 

Nach dem Frühstück döse ich etwas im Zimmer, als plötzlich ein lauter Knall die Wände erzittern lässt. Was war das? Ich öffne die Tür und sehe: Die Decke der Veranda beim Nachbarzimmer – dort wohnen die beiden Japaner – ist herabgestürzt. Wären sie draußen gesessen, hätte das böse enden können. Vermutlich hat sich das Regenwasser in der Decke gesammelt, bis sie nachgab. Ich schaue hoch über meine eigene Tür. Auch hier hängt die Decke gefährlich durch, Wasser tropft bereits heraus.

 

Eine Stunde später lässt der Regen nach. Ich mache mich auf den Weg ins Zentrum, um Geld abzuheben und eine SIM-Karte zu kaufen. An der eingestürzten Decke muss ich mich vorbeiquetschen. Im Haupthaus spreche ich eine Angestellte an, ob sich niemand darum kümmere. Sie meint nur, der Patron sei unterwegs. Als ich zwei Stunden später zurückkomme, ist die Decke weggeräumt und das durchhängende Stück vor meiner Tür herausgeschnitten. Gut – so kann ich unbesorgt ein- und ausgehen.

 

Heute ist Markttag in Iten. Laut der Irin verwandelt sich dann das gesamte Zentrum mitsamt dem Fußballplatz in einen riesigen Marktplatz. Ob das bei dem Wetter auch so ist? Am Nachmittag lässt der Regen etwas nach, und ich laufe erneut ins Dorf. Tatsächlich: Die Leute lassen sich nicht abhalten. Trotz Schlamm und Matsch liegen überall Waren am Straßenrand. Viele Besucher tragen Gummistiefel oder laufen mit Schlappen und Flip-Flops durch den Morast. Normale Schuhe wären hier fehl am Platz. Ich beschränke mich auf einen kleinen Rundgang entlang der asphaltierten Straße und gehe zurück zur Unterkunft, als erneut der Regen einsetzt.

 

Eigentlich will ich morgen weiterfahren in die Teeregion. Doch die Wetterprognosen sehen auch für die nächsten fünf Tage schlecht aus. Deshalb entscheide ich mich, in zwei Tagesetappen nach Nairobi zu fahren. Von dort kann ich überlegen, ob ich die Küste rund um Mombasa erkunde oder direkt zum Kilimanjaro nach Tansania fahre. Ab Nairobi beginnt sowohl nach Süden als auch nach Osten eine andere Klimazone, wo es kaum regnet.

 

Beim Abendessen frage ich die Verantwortliche des Camps, ob es im August immer so nass sei. Sie nickt: „Ja, jetzt ist Regenzeit – bis etwa Mitte, Ende September. Trocken ist es von Januar bis März.“ Komisch denke ich. Im Internet steht, die beste Reisezeit sei während der Trockenzeit von Juli bis September und von Januar bis März. Doch wenn ich das Wetter hier anschaue, muss ich sagen: Die Einheimischen liegen wohl näher an der Realität.

Route und Downloads

Track & POI meiner Route

Die GPX Datei enthält den Track und die POI der Strecke „Kenia, Regen und Iten, die Heimat der Laufchampions“

Bild von Christian Feustle
Christian Feustle

Autor und Inhaber der Marke Motoglobe

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