Der Küste entlang nach Luanda
17.12.2025 routen >> afrika hautnah
Heute fühle ich mich gedämpft und habe leichte Kopfschmerzen. Ein Zeichen, dass etwas nicht gut ist. Bereits gestern ab Mittag hatte ich Magenprobleme und ungewöhnlichen Harndrang. Ich gehe zuerst frühstücken, um zu sehen, was mein Magen dazu sagt. Eine Stunde später entscheide ich mich weiterzufahren. Die Strecke ist mit 300 km überschaubar. Die Küstenstrasse ist meist in gutem Zustand, wodurch ich gut vorankommen sollte. Wobei ich heute gegen Ende eine Schlaufe ins Landesinnere plane, die mich auf 1’000 Meter hinaufbringt und durch eine Landschaft mit bizarren schwarzen Stein- und Felsformationen führen soll. Mittendrin liegt eine grosse Kaffeefinca, die Gästezimmer anbietet. Dort möchte ich heute übernachten. Wegen der Regenzeit muss ich dort schon mit ziemlich viel Wasser rechnen, im Gegensatz zur Küste, die kaum davon betroffen ist.
Bei der ersten auftauchenden Tankstelle fülle ich auf und rolle durch den morgendlichen Verkehr von Lobito, der Nachbarstadt von Benguela. Danach wird es ruhiger und ich kurve durch eine landschaftlich reizvolle Region bis nach Sumbe. Kurz davor halte ich auf der Brücke über den Rio Cubal und dem gleichnamigen Canyon.
In Sumbe tanke ich erneut auf und biege anschliessend ins Landesinnere ab, wo ich bereits in meiner Richtung die Berge und dunkle Wolken erkennen kann. An der Kreuzung steht eines dieser riesigen gelben Hotels, die überall in den grösseren Städten gut sichtbar gebaut wurden. Nebst der gelben Farbe haben sie alle die Gemeinsamkeit, dass sie leer stehen. Die Gründe dahinter bleiben mir im Verborgenen. Je weiter ich in Richtung Berge fahre, desto grüner wird die Natur und als die Strasse sich langsam hinaufwindet, befinde ich mich gefühlt bereits mitten im Dschungel. Enorm, wie sich hier die Natur innerhalb von 100 km verändert.
Leider verändert sich auch mein Gesundheitszustand. Ich fühle mich ziemlich niedergeschlagen und schlapp. Die letzten dreissig Kilometer durch die Bergwelt mit ihren skurrilen schwarzen Felsen versuche ich so gut wie möglich zu geniessen. Als ich dann bei der Finca ankomme, bin ich jedoch froh, nicht mehr weiterfahren zu müssen.
Ich werde freundlich begrüsst und bekomme alsbald ein Zimmer inmitten der grünen Anlage. Bevor ich mich hinlege, bestelle ich etwas fürs Nachtessen. Danach dauert es nicht mehr lange, und ich bin im Land der Träume.
Gegen fünf Uhr erwache ich und fühle mich keineswegs besser. Leider hat sich der Harndrang verstärkt und ist mit Schmerzen verbunden. Hat sich da eine Blasenentzündung eingeschlichen? Dazu kommt mein Magen, der ebenfalls das Kriegsbeil gegen irgendetwas ausgegraben hat, was ich gegessen habe. Trotzdem gehe ich um 18.00 Uhr ins Restaurant, wo ich einen Teller Spaghetti Bolognese bekomme. Die Mitarbeitenden sehen natürlich, dass es mir nicht so gut geht, und offerieren mir einen Tee, der meiner Verdauung guttun sollte. Anschliessend ruft bereits wieder das Bett. Schade, ich wäre gerne etwas auf der Finca herumspaziert. Aber dazu fehlt mir die Energie und allzu weit weg von einer Toilette zu sein ist momentan keine gute Idee.
Klicke auf das jeweilige Bild für eine Bildvergrösserung und Beschreibung
Geschlafen habe ich ganz gut, jedoch fühle ich mich weiterhin niedergeschlagen. Mein Harndrang ist nach wie vor stark und schmerzhaft. Wirklich fit für die Weiterfahrt bin ich nicht. Hier zu bleiben ist aber keine Option, weil weit und breit keine medizinische Versorgung vorhanden ist. Zudem hat die Finca kein WLAN und meine SIM-Karte keine Internetverbindung. Verschlechtert sich mein Zustand, bin ich hier auf verlorenem Posten. Ich entscheide mich deshalb für die Weiterfahrt. Damit das einigermassen gut geht, nehme ich eine Ibuprofen-Tablette. Diese ist nebst schmerzlindernd auch entzündungshemmend.
Beim Frühstück trinke ich vor allem viel Tee und halte mich an die Früchte. Dazu etwas Toast mit Butter. Als die Tablette dann wirkt, packe ich alles zusammen, verabschiede mich und fahre los. Die nächsten dreissig Kilometer geht es weiter durch diese spezielle Landschaft und dank Ibuprofen kann ich sie sogar geniessen. Der Strassenbelag wechselt wie schon gestern von ganz gut bis nicht mehr vorhanden ab. Vor allem in den Steigungen sind die Schäden enorm. Mit der Honda findet sich aber immer ein Weg.
Die Strecke zurück zur Küste ist ebenfalls mit löchrigen Abschnitten übersät, was die Fahrt in die Länge zieht. Wieder auf der Küstenstrasse folge ich dieser weitere 100 km in Richtung Luanda, bis ich mein heutiges Ziel in Porto Amboim erreiche. Bis nach Luanda wären es weitere 250 km gewesen, was ich unter normalen Umständen gut geschafft hätte. Jetzt merke ich jedoch bereits, wie die Wirkung der Tablette nachlässt, und ich mich besser ausruhe und morgen weiterfahre.
In einer etwas heruntergekommenen Unterkunft bekomme ich ein ok Häuschen direkt am Strand. Als erstes lege ich eine Siesta ein. Dazwischen muss ich gefühlt alle 30 Minuten auf die Toilette wegen des starken Harndrangs. Das fühlt sich nicht gut an.
Gegen Abend stehe ich auf und gehe zum Strand. Leider ist dieser vermüllt und lädt überhaupt nicht zu einem Spaziergang ein. Wieder zurück bestelle ich im angeschlossenen Restaurant eine Flasche Wasser. Etwas anderes haben sie nicht. Essen könnte ich vermutlich auch etwas bestellen, jedoch macht das Restaurant keinen einladenden Eindruck, weshalb ich lieber etwas aus meinem Proviant esse. Bevor ich mich erneut ins Bett verkrieche, bekomme ich einen schönen Sonnenuntergang zu sehen. Kaum ist die Sonne weg, heisst es auch für mich ab ins Bett.
Die aufgehende Sonne bringt viel Licht in meinen Bungalow, weshalb ich früh erwache. Mein Zustand ist unverändert, weshalb ich mich heute in Luanda medizinisch versorgen lassen möchte. Nachdem ich einige Kekse gegessen habe, bepacke ich die Enduro und mache mich bereit, um 07.00 Uhr loszufahren.
Auf halbem Weg lege ich einen Tankstopp ein. Da ich eher zu wenig als zu viel trinke, muss ich nicht dauernd auf die Toilette. Das widerspricht aber der Regel, dass man bei Harn- und Blasenproblemen viel trinken soll. Fahre ich, habe ich kaum Harndrang. Das ist mir schon die letzten beiden Tage aufgefallen. Das muss mit meiner Haltung auf dem Motorrad zu tun haben oder einfach damit, dass Motorradfahren alle Sorgen vergessen lässt.
Beim Aussichtspunkt Moon Scenic lege ich einen weiteren Stopp ein. Den Eintrittspreis von € 0,80 bezahle ich gerne. Dafür bekomme ich eine Sicht auf die bizarren Gesteinsformationen, die wie Orgelpfeifen von Wind, Sonne, Regen und Meeresluft geformt wurden. Mein Motorrad fällt bei den wenigen anderen Besuchern auf. Eine Frauengruppe spricht mich auf Englisch an und fragt, woher ich komme und ob ich einen YouTube-Channel habe. Ihr gutes Englisch und die Frage nach einem YouTube-Channel deutet darauf hin, dass sie aus Südafrika sind (alle sind Ichy Boots Fan), was sie dann auch bestätigen. Eine der Frauen betreibt ein Tourismusunternehmen und bietet speziell auf Frauen ausgerichtete Reisen in verschiedene afrikanische Länder an.
Kaum habe ich mich verabschiedet, meldet sich meine Blase und ich muss dringend auf die Toilette, von denen es zum Glück eine gibt. Leider zeichnet sich schon etwas Blut im Urin ab. Zeit weiterzufahren.
Meine Unterkunft liegt mitten in der Stadt in einer ruhigen Sackgasse. Auf meine WhatsApp-Nachrichten haben sie nicht geantwortet und so bin ich jetzt froh, dass sie ein Zimmer frei haben. Bereits gestern Abend habe ich etwas recherchiert, wie es mit der medizinischen Versorgung in Luanda aussieht, und eine Klinik gefunden, die mir hoffentlich weiterhelfen kann. Es ist erst 12.30 Uhr und somit genügend Zeit, die Klinik aufzusuchen. Nach einer kurzen Pause mache ich mich auf den Weg. Die etwas mehr als ein Kilometer gehe ich zu Fuß, was sich als kleiner Spießrutenlauf herausstellt. Etwa auf halbem Weg folgt mir ein halbwüchsiger Junge auf Schritt und Tritt und wiederholt ohne Pause die Worte „Give me money“. Er lässt sich mit keiner Methode abschütteln, was mich kurz an den Rand eines Wutausbruchs bringt, da ich eh schon angeschlagen bin. Bevor es so weit ist, erblickt er einen anderen Weißen auf der anderen Straßenseite und entscheidet sich, diesem zu folgen. Was für eine Erlösung. So penetrant habe ich das bis anhin noch nirgends auf der Welt erlebt. In der Klinik angekommen, geht es mit dem Lift hinauf in den 11. Stock, wo ich mich anmelden kann. Ohne Bezahlung läuft natürlich gar nichts, und als erstes muss ich € 60,00 für die Konsultation bezahlen. Die Einrichtung macht einen guten Eindruck, und alles läuft ähnlich ab wie bei uns. Nach knapp einer Stunde sitze ich vor einer Ärztin, die gut Englisch spricht. Ich erkläre meine Probleme, und sie meint, dass wir ein Blutbild machen müssen und ich Urin abgeben soll. Zudem meint sie, dass ich auf sie einen etwas dehydrierten Eindruck mache und ich unbedingt viel mehr trinken müsse.
Bevor die Tests gemacht werden, muss ich erneut bezahlen, was Weitere € 140,00 sind. Die Blutabnahme und das Urinabgeben verlaufen danach ebenfalls wie bei uns, nur alles viel langsamer. Der Hygienestandard ist, sofern ich das beurteilen kann, ganz gut, und ich fühle mich einigermassen wohl. Zwei Stunden später ist klar: Meine Entzündungswerte sind etwas erhöht, und gemäß der Urinprobe habe ich eine Blasenentzündung. Zwar eher selten bei Männern, jedoch mit dem Alter häufiger, und mein Alter nimmt zu.
Auf Malaria wird man hier gemäß der Ärztin immer mitgetestet, was bei mir jedoch negativ ist. Sie verschreibt mir für acht Tage Antibiotika plus ein Mittel, das meinem Magen guttun soll. Danach verabschiede ich mich. Die Tabletten bekomme ich gleich um die Ecke in einer Apotheke. Anschließend laufe ich zurück in meine Unterkunft und verlängere als erstes meinen Aufenthalt um einige Tage. Mit einer Infektion weiterzufahren, macht wenig Sinn.
Ich bin froh, medizinische Hilfe gefunden zu haben. Gleichzeitig wird mir noch mehr bewusst, wie privilegiert ich bin. Ich kann einfach eine der besten Kliniken aufsuchen und kann mir die dortige Hilfe leisten. Der Preis dafür ist im Verhältnis, was die Menschen hier verdienen, um ein Vielfaches höher als bei uns.
Luanda zählt zu den teuersten Städten der Welt, was mit dem Ölreichtum zu tun, der viele internationale Fachkräfte anzieht, die sich westliche Standards wünschen. Die Infrastruktur des Landes kann damit aber nicht mithalten, was die Preise für vieles in die Höhe treibt. 90 % der Stadtbevölkerung profitiert vom Ölreichtum wenig bis gar nicht, leidet aber unter den Preisen und kann sich eine solche medizinische Versorgung niemals leisten.
Die nächsten paar Tage fahre ich herunter und unternehme nur wenig. Im Guesthouse bekomme ich sowohl Frühstück als auch Nachtessen und in der Nähe hat es einen kleinen Supermarkt, wo ich das Nötigste einkaufen kann.
Drei Tage später geht es mir besser und ich unternehme einen kleinen Ausflug zur Botschaft der Republik Kongo (Brazzaville), um ein Visum zu beantragen. Dazu benötige ich eine Kopie meines Passes, der Gelbfieberimpfung, einer Hotelbuchung ab dem Tag, ab wann das Visum laufen soll, sowie ein Passfoto. Die Hotelbuchung nehme ich über Booking.com vor und kann die Bestätigung in einem kleinen Shop um die Ecke ausdrucken lassen.
Um 09.00 Uhr öffnet die Botschaft, welche hier lediglich ein Büro im ersten Stock eines Bürogebäudes ist. Ich werde freundlich begrüsst, natürlich auf Französisch, und gebeten, Platz zu nehmen. Eine halbe Stunde später kommt eine Frau und überreicht mir einen Zettel, auf dem die Preise der Visa und die Bearbeitungszeiten stehen. Je länger der Aufenthalt und je schneller ich das Visum möchte, umso mehr kostet es. Ich entscheide mich für die Variante 15 Tage Transit mit Abholung morgen, was mich USD 150.00 kostet. Danach bekomme ich ein Formular, welches ich ausfüllen muss und anschliessend mit meinen Kopien und dem Geld abgeben kann. Nachdem ich eine offizielle Quittung ausgestellt bekommen meint die Frau, ich könne morgen um 13.00 Uhr das Visum abholen. Das war es dann auch schon. Zu mehr reicht es heute nicht und ich gehe zurück ins Guesthouse.
Am nächsten Tag stehe ich um 13.00 Uhr wieder im Büro der Botschaft und bekomme sofort meinen Pass mit Visum eingehändigt. Ich kontrolliere die Daten und sehe, dass ich jetzt anstatt 15 Tagen ein 30-tägiges Visum erhalten habe, mit dem ich dazwischen sogar zweimal einreisen kann. Ich bedanke mich für das Geschenk, was mit einem breiten Lächeln quittiert wird, und verabschiede mich. Zu viel nachzufragen ist nie gut. Solange meine Daten, das Einreisedatum und die von mir gewünschte Visalänge stimmen, nehme ich es, wie ich es bekomme.
Nachmittags bestelle ich mir ein Yango-Taxi, ähnlich wie Uber, und lasse mich zum Hafen fahren. Ich möchte versuchen, ein Ticket für mich und die Honda für die Fähre von Soyo nach Cabinda zu buchen. Wegen der Weihnachtszeit wird diese bestimmt gut gebucht sein, weshalb ich bereits hier in Luanda ein Ticket kaufen möchte und nicht erst im 400km entfernten Soyo. Erfolg habe ich leider keinen, weil die Frau am Schalter meint, die Fähre fahre zurzeit nicht. Ich soll am Freitag nochmals vorbeikommen. Das sind keine guten Neuigkeiten, weil die Fähre meine einzige Verbindung ist, um in die angolanische Enklave Cabinda zu kommen, von wo ich danach in die Republik Kongo weiterreisen kann. Eine Reise durch die DRC (Kongo Kinshasa) ist nicht möglich, weil deren Botschaft in Luanda keine Visa ausstellt. Diese sind zudem teuer, auch wenn ich nur zwei Tage für den Transit benötigen würde.
Tags darauf fahre ich mit der Honda etwas aus der Stadt hinaus zu einer Werkstatt, die durch den Besuch von Itchy Boots bekannt geworden ist. Das hat den Vorteil, dass etliche Motorradreisende, die durch Luanda reisen, dort Service und Reifenwechsel vornehmen und die Werkstatt dadurch gut ausgerüstet ist. Mittels WhatsApp habe ich bereits gestern nachgefragt, ob ich für einen Ölwechsel heute vorbeikommen kann, was mit Ja quittiert wurde.
Die Werkstatt sie aufgeräumt aus und einer der Mechaniker übernimmt die Honda und startet den Ölwechsel. Normalerweise dauert das in etwa 30 Minuten. Ich muss mich jedoch fast zwei Stunden gedulden. Dafür stimmt der neue Öl Level auf Anhieb, was bis jetzt kaum eine Motorradgarage hinbekommen hat, weil sie einfach 1.8 Liter Öl einfüllen anstatt nur 1.5 Liter. Der Mechaniker hier hat das also gut im Griff. Den restlichen halben Liter nehme ich als Reserve mit.
Das Bezahlen verlangt dann nochmals etwas Geduld, weil die Mitarbeiterin mir gestern geschrieben hat, dass ich mit Visa bezahlen könne, jetzt aber meint, dass dies ein Irrtum gewesen sei. Genügend Kwachas habe ich nicht mit dabei, aber € 100.00, welche die Garage akzeptiert. Das Umrechnen beansprucht dann einiges an Zeit und nachrechnen bis mein korrektes Rückgeld in Kwachas bekomme.
Heute, Freitag, fahre ich als Erstes nach dem Frühstück erneut zum Hafen. Es sitzt dieselbe Frau am Schalter und ihr Kopfschütteln ist das gleiche wie vor zwei Tagen. Sie meint, die Fähre sei immer noch kaputt und zurzeit gebe es keine Information, ab wann sie wieder läuft. Schöner Mist. Ich frage nach, ob es eine Fähre von Luanda nach Cabinda gäbe, was sie bejaht, aber erst am 27.12.2025. Ich setze mich auf eine der Bänke und fluche etwas vor mich hin. Das Ganze kann meine Weiterreise kippen, da ich bis spätestens am 31.12.2025 aus Angola ausreisen muss. Überziehe ich das Visum, muss ich für mich pro Tag ca. € 14.00 Strafe bezahlen, was für einige Tage verkraftbar wäre. Das gilt jedoch nicht für die Honda, wo ich damit rechnen muss, dass sie diese konfiszieren könnten. Angola ist bekannt für seine undurchsichtige Bürokratie, wenn es um temporär eingeführte Fahrzeuge geht.
Ich muss also so planen, dass ich im schlimmsten Fall umdrehen könnte und per 31.12.2025 nach Namibia ausreise. Mein Visum für Namibia ist zum Glück noch bis Ende Februar gültig. Das würde bedeuten, dass ich spätestens am 27.12.2025 losfahren muss, um die Strecke rechtzeitig zurückzulegen. Die Fähre ab Luanda wäre zwar eine Möglichkeit, dazu müsste ich aber hierbleiben und darauf hoffen, dass diese dann auch wirklich ausläuft. Wenn nicht, müsste ich direkt an diesem Tag in Richtung Namibia losfahren. Nicht eine gute Option. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als morgen ins 400 km entfernte Soyo aufzubrechen und dort vor Ort zu schauen, wann die Fähre wieder läuft und ob ich ein Ticket bekommen kann.
Bevor ich zurück ins Guesthouse gehe, fahre ich in eine moderne Shopping Mall direkt an der Uferpromenade. Dort hat es bestimmt eine Bank mit funktionierendem Geldautomaten, wo ich Bargeld bekomme, welches ich für die Ticketkosten nach Cabinda benötige. Pro Bezug kann ich lediglich 60’000 Kwachas beziehen (€ 54.00). Die Kosten für die Fähre belaufen sich auf ca. € 250.00. Zusätzlich muss ich noch Geld für Übernachtungen, Essen und Benzin einplanen. Heisst, ich muss mindestens sechs- bis siebenmal einen Geldbezug am Automaten vornehmen, was meist nicht an einem einzigen Automaten funktioniert, weil dieser gar nicht so viel Bargeld hat. So auch hier, wo ich lediglich dreimal einen Bezug machen kann. Also verlasse ich das Shopping-Center und mache mich auf den Weg zurück ins Guesthouse, jedoch über eine Route, an der ich an diversen Geldautomaten vorbeilaufe. So bekomme ich nach und nach das Bargeld, das ich benötige. Ich hätte nie gedacht, dass Bargeldbeschaffung einmal so aufwendig sein könnte. Wenigstens kosten die Geldbezüge an allen Automaten keine Gebühren.
Zurück im Guesthouse erinnere ich mich daran, dass es in iOverlander einen Eintrag von einer Transportfirma gibt, die Fahrzeuge zwischen Cabinda und Luanda mittels Lastwagen transportiert. Die nehmen vielleicht auch Motorräder mit. Preislich wäre das gemäss den Angaben teuer, aber anfragen kostet ja nichts.
Kaum habe ich die WhatsApp-Nachricht verschickt, bekomme ich eine Rückmeldung. Es sei kein Problem, mein Motorrad nach Cabinda zu transportieren. Er sei selbst grosser Motorradfan und schon auf etlichen Reisen unterwegs gewesen. Danach bekomme ich ein Foto zugeschickt, auf dem vier grosse Motorräder zu sehen sind: eine Africa Twin, eine Gold Wing, ein japanischer Chopper und sogar eine BMW 1200.
Die nächste Nachricht hat es dann in sich, weil er meint, ich könne noch heute vorbeikommen, da sie heute Nacht einen Transport nach Cabinda hätten, bei dem mein Motorrad noch Platz habe. Ich könne dann am 24.12.2025 mein Motorrad in Cabinda in Empfang nehmen. Käme ich heute vorbei, würde er mich danach wieder zurück in mein Hotel fahren. Das liest sich vielversprechend, nur wie komme ich so schnell nach Cabinda? Ich suche mir die Internetadresse der angolanischen Fluggesellschaft heraus, die mehrere Flüge pro Tag nach Cabinda anbietet. Leider sind aber alle Flüge ab heute bis Ende Jahr ausgebucht oder es gibt keine Daten. Mist.
Ich schreibe also zurück, dass das Angebot von ihm super sei, wofür ich mich bedanke, ich aber selbst in dieser Zeit nicht nach Cabinda reisen könne, weil alle Flüge ausgebucht seien. Es dauert nur einige Minuten und ich bekomme als Antwort, dass er für mich einen Platz reservieren könne, da er für seine Firma immer Kontingente auf den Flügen habe. Ich solle ihm einfach eine Kopie meines Passes schicken, wenn ich das möchte.
Was für ein Angebot. Ich kann es kaum glauben. Natürlich könnte es auch einen Haken geben. Nur sagt mir mein Bauchgefühl etwas anderes und deshalb schicke ich ihm eine Kopie meines Passes und packe alles zusammen, was ich nicht ins Flugzeug nehmen will und kann, und brause zu der Adresse los, die er mir geschickt hat. Seine Firma liegt mehr als dreissig Kilometer ausserhalb der Stadt und bedingt durch den ätzenden Verkehr brauche ich fast eine Dreiviertelstunde für die Strecke.
Das Gelände ist riesig und überall stehen Lastwagen und Container herum. Vermutlich sind das mehrere Firmen, die hier auf dem grossen Gelände agieren. Ein Sicherheitsbeamter stoppt mich beim Eingang und ich frage ihn, wo diese Firma ist, welche auf meinem Display aufleuchtet. Er lacht und meint, das sei diese Firma. Wow, damit habe ich jetzt gar nicht gerechnet. Ich frage weiter, wo ich denn hinmuss, um den Chef zu sehen. Er zeigt auf ein gelbes Bürogebäude weiter vorne auf dem Gelände. Dort angekommen, werde ich von allen herumstehenden Männern freundlich begrüsst, und einer meint, ich solle einfach hineingehen. Drinnen empfängt mich eine Frau und bietet mir einen Platz sowie eine Flasche Wasser an. Jetzt bin ich fast ein wenig sprachlos, wie das hier alles läuft.
Etwas später kommt ein Mitarbeiter auf mich zu, der gut Englisch spricht, und erklärt mir, dass der Chef noch beschäftigt sei, aber bald komme. Er erzählt mir dann vieles über die Firma, die über 60 Lastwagen besitzt und an die 200 Mitarbeitende beschäftig und weiterwächst, und dass der Inhaber ein grosser Motorradfan sei und auch einen grossen Motorradclub mitgegründet habe.
Eine Stunde später erscheint Miguel, der Inhaber. Er ist gekleidet wie ein Cowboy, mit Boots und Hut, an dem ein grosser Sheriffstern angenäht ist. Er begrüsst mich sehr freundlich und zeigt mir sofort seine Motorradsammlung. Obwohl er kaum Englisch spricht, funktioniert die Verständigung mit Spanisch und Portugiesisch erstaunlich gut. Er beteuert mir dann mehrere Male, dass ich mir keine Sorgen machen soll, sie mein Motorrad sicher nach Cabinda bringen und ich am Montag fliegen könne. Über den englischsprechenden Mitarbeiter frage ich nochmals nach dem Preis, worauf Miguel lacht und meint, gar nichts. Er offeriere mir das, weil er Motorradreisende unterstützen möchte und er wisse, wie schwierig es sein kann, von hier nach Cabinda zu kommen. Unglaublich, was mir hier angeboten wird.
Eine Stunde später, es ist bereits dunkel, holt mich Miguel im Bürogebäude ab, und ich nehme in seinem riesigen Ford F450 Truck Platz. Ohne Einstiegshilfe kann man fast nicht ins Auto einsteigen, so hoch oben ist er. Dann brummt der riesige Motor auf, und wir fahren in teils haarsträubendem Tempo über die schlecht beleuchteten Strassen zurück nach Luanda. Wer hier als Fussgänger nachts die Strasse überquert, muss sich hüten. Es wird auf sie keine Rücksicht genommen.
Einige Staus verlängern die Fahrt, sodass ich gegen 22.00 Uhr wieder zurück im Guesthouse bin. Miguel verabschiedet sich und sagt, dass er mir am Sonntag Bescheid gibt, wann mein Flug am Montag geht und dass mich jemand abholen wird, um mich zum Flughafen zu bringen. Ich bedanke mich einmal mehr herzlich und verabschiede mich. Zurück im Zimmer kann ich mein Glück kaum fassen und habe das Gefühl, heute in der angolanischen Lotterie gewonnen zu haben, wobei das erst der Fall ist, wenn ich in Cabinda auf meiner Honda sitze und in Richtung Republik Kongo weiterreise.
Route und Downloads
Track & POI meiner Route
Die GPX Datei enthält den Track und die POI der Strecke „Der Küste entlang nach Luanda“
Autor und Inhaber der Marke Motoglobe