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Benin - Voodoo, Königreich und Ganvié

Benin - Voodoo, Königreich und Ganvié

27.02.2026 routen >> afrika hautnah

Im Hotel habe ich mir gleich für eine ganze Woche ein komfortables Zimmer gemietet, weil der Antragsprozess für das Ghana-Visum gemäss verschiedenen Kommentaren anderer Reisender kompliziert und aufwendig ist. Damit ich nicht zu viel Zeit verliere mit Warten, fülle ich den Onlineantrag der ghanaischen Botschaft in Cotonou bereits am Abend meines Ankunftstages aus. Danach sammle ich alle nötigen Dokumente zusammen und schicke sie mir per WhatsApp auf meine eigene Nummer. So kann ich morgen nach dem Frühstück gleich in einen der Shops gehen, die Ausdrucke und Kopien erstellen.

 

Wieso die Botschaft in Cotonou solch komplizierte Bedingungen für ein Visum aufstellt, weiss niemand. Reist man nämlich umgekehrt und stellt einen Visaantrag in der Botschaft in der Hauptstadt der Elfenbeinküste, verlangen diese viel weniger Unterlagen und man bekommt das Visum innert zweier Tage. In Cotonou muss ich mindestens fünf Arbeitstage darauf warten, nachdem ich es geschafft habe, meine Unterlagen in der Botschaft ohne Ablehnung einzureichen. Dazu gehört eine Kopie von:

  • Pass
  • Gelbfieberimpfung
  • Schriftliche Buchungsbestätigung eines Hotels in Ghana, das ich reserviert habe. Eine Buchungsbestätigung von Booking.com reicht nicht aus. Zum Glück kennen die Hotels in Ghana diese Regelung und ich bekomme schnell und unkompliziert diese Bestätigung, nachdem ich über Booking.com reserviert und sie kontaktiert habe
  • Eine Beschreibung der eigenen Reise und Begründung, wieso ich Ghana besuchen will
  • Carnet de Passage
  • Versicherung für das Motorrad, die sogenannte Carte Brune (konnte ich via WhatsApp über die Axa in Senegal bekommen)
  • Das E-Visum von Benin
  • Onlineantrag, den ich über die Webseite der Botschaft erfasst habe.

Nach dem Frühstück laufe ich zu einem Kopiershop um die Ecke, wo ich ohne Probleme alle Kopien bekomme. Davon lasse ich mir gleich ein Dreierset erstellen. Eventuell brauche ich weitere Kopien für die kommenden Visa bis Dakar. Danach gehe ich zur ghanaischen Botschaft, die ebenfalls nicht weit entfernt liegt, und reiche meinen Antrag bei den zwei sehr unfreundlichen Frauen am Empfang ein. Sie kontrollieren alles pingelig und erwähnen, dass ich noch eine schriftliche Bestätigung meines Hotels hier in Cotonou benötige, dass ich dort wohne. Komplizierter geht es wohl nicht. Da es erst 10 Uhr ist, kann ich zumindest meinen Antrag in der Botschaft lassen und mittels Moto-Taxi zurück ins Hotel fahren, wo ich innert 30 Minuten eine solche Bestätigung bekomme. Sie sind sich mittlerweile auch daran gewöhnt, dass Reisende für das ghanaische Visum dieses Schreiben benötigen. Danach geht es wieder zurück mit dem Moto-Taxi und ich kann das Schreiben und somit meinen Antrag noch vor 12 Uhr einreichen. Danach wäre nämlich für heute Schluss mit der Möglichkeit, ein Visum zu beantragen. Ich bezahle die Visagebühr von XOF 15’000, was in etwa € 23.00 sind. Diese ist im Gegensatz zu allen anderen Visa sehr günstig.

 

Anschliessend spaziere ich gemütlich in dem unweit entfernten Supermarkt U, der mir von verschiedener Seite empfohlen wurde, weil er ein riesiges Sortiment hat. Enttäuscht werde ich nicht und ich bekomme nebst vielen leckeren Esssachen sogar eine kleine Dose WD-40-Öl und ein Additiv für die Reinigung der Einspritzanlage. Was für ein Luxus.

Heute ist Mittwoch und mein Visum bekomme ich gemäss der Quittung der Botschaft nächsten Dienstagnachmittag. Die ersten paar Tage nutze ich zum Relaxen, Blogschreiben, meine Motorradkleider und Ausrüstung waschen zu lassen und mich ein wenig mit anderen Gästen im Hotel und dem Schweizer Inhaber zu unterhalten. Zudem trifft zwei Tage später Konrad aus Österreich ein, mit dem ich über Chatgruppen seit längerem in Kontakt bin. Er reist in umgekehrter Richtung mit dem Motorrad nach Südafrika. Er bleibt zwar nur einen Abend, aber wir haben genügend Zeit, um Tipps und Informationen auszutauschen. Zwei Tage später treffe ich auf Frederik, ebenfalls aus Deutschland, der mit dem Rucksack für einen Monat in Togo und Benin unterwegs ist. Er bereist seit mehreren Jahren regelmässig Afrika, was uns viel Gesprächsstoff liefert.

 

Einen der Tage nutze ich, um mir die wenigen Sehenswürdigkeiten in Cotonou anzuschauen. Da wäre einmal ein grosses Lockheed TriStar Passagierflugzeug, das am Strand steht. Wieso die Maschine hier steht, ist nicht genau geklärt. Sie wurde von mehreren Airlines genutzt und stand dann lange Zeit auf dem Flughafen von Cotonou herum. Ein lokaler Unternehmer kaufte die Maschine und zog sie an den Strand mit der Absicht, darin ein Restaurant aufzubauen. Es blieb jedoch bei der Absicht und jetzt steht die Maschine im Sand und dient als Touristenattraktion, die man für etwa € 1.40 betreten kann. Die Triebwerke und weitere wertvolle Dinge sind natürlich alle entfernt worden.

 

Von hier könnte ich dem breiten Strand bis zum berühmten Obama Beach Abschnitt laufen. Die hohen Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit machen dies jedoch zur Schwerstarbeit, weshalb ich lieber ein Moto-Taxi nehme. Dieses setzt mich am Place de l’Amazone ab, wo die grosse Statue einer weiblichen Kriegerin der Kriegertruppe des Königreichs Dahomey steht. Diese Truppe wurde einst von einer Königin des Königreichs aufgestellt, weil sie den männlichen Kriegern nicht traute. Zur Obama Beach ist leider ein weiterer Spaziergang von fast zwei Kilometern nötig, weshalb ich darauf verzichte. Es ist einfach zu heiss. Dafür gehe ich langsam der Strasse entlang zur Hafenmauer. Diese Fläche der Hafenmauer wird für verschiedene Graffitis lokaler Künstler genutzt, die immer wieder einmal ändern.

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Unweit von Cotonou liegt die Stadt Ganvié, die wohl grösste Siedlung auf Pfahlbauten in Afrika. Zur Einwohnerzahl gibt es verschiedene Angaben, wovon 20’000 am häufigsten genannt wird. Entstanden ist die riesige Pfahlbauten Siedlung im 16. Jahrhundert, als die Tofinu-Ethnie einen sicheren Ort vor den Sklavenhändlern suchte. Die Erschliessung der Siedlung war wohl nicht einfach, gab es damals noch unzählige Krokodile im See. Bis heute kommt die kleine Stadt ohne Strassen aus und alles läuft über Boote. Fischzucht und Tourismus sind die wichtigste Einnahmequelle der Menschen. Es gibt zwei traditionelle Unterkunftsmöglichkeiten in der Siedlung. Ich entscheide mich jedoch, für einmal eine Tagestour dahin zu buchen, weil ich sonst meine Honda am Pier, wo die Boote zur Siedlung rüberfahren, stehen lassen müsste. In einem der Chats frage ich nach, ob jemand Erfahrungen mit einer Tour nach Ganvié hat und mir einen Touranbieter empfehlen kann. Ich muss nicht lange warten und bekomme eine Kontaktadresse. Über WhatsApp handle ich innert einer Stunde eine Halbtagestour mit dem Anbieter aus. Für ca. € 50.00 kommt er mich am Hotel in Cotonou abholen, fährt mich zum 15 km entfernten Pier, von wo wir danach für etwa 3 Stunden auf eine Besichtigungstour in die Siedlung schippern. Andere Tourgäste gibt es nicht, also eine Privattour.

 

Um 10.00 Uhr werde ich von Théophile, dem Inhaber der Tourfirma, abgeholt und zum Pier gefahren. Dort wartet bereits ein Boot auf uns. Die Siedlung liegt etwa sechs Kilometer entfernt, was mit einem Motorboot keine grosse Distanz ist. Es wird jedoch schnell klar, dass die Mehrheit der Einwohner paddelt, was dann doch eine andere Leistung ist, wenn man hin und zurück rudert. Dies machen vor allem die Frauen, wenn sie den Fischfang ihrer Männer auf dem Markt am Pier zum Verkauf anbieten.

 

Das gesamte Leben der Siedlung spielt sich wirklich auf dem Wasser ab. Entweder ist man in seinem Haus auf Stelzen oder man sitzt im Boot und paddelt irgendwo hin. Théophile, der hier geboren und aufgewachsen ist, erzählt mir, dass die Einwohner früher von der Festlandbevölkerung ausgelacht wurden, weil sie nicht so gut zu Fuss unterwegs waren. Als Kinder hatten sie kaum Kontakt mit festem Boden, weshalb sie nur wenig Übung im Laufen hatten. Dafür konnten sie bereits im Vorschulalter mit einem Kanu herumfahren und sind ausgesprochen gute Ruderer und Schwimmer. Heute hat sich das geändert und es gibt einige grössere Plätze in der Siedlung, wo man herumlaufen kann.

 

Eine Polizei gibt es im ganzen Ort nicht. Unstimmigkeiten werden durch die Kommune geregelt. Der Fischfang ist dazu klar geregelt. Es gibt abgesteckte Fischgründe, die einer Familie gehören und in denen niemand anders fischen darf. Ausserhalb dieser Bereiche darf jeder fischen, wie er will. Innerhalb dieser abgegrenzten Bereiche werden Fische nach einem bestimmten Verfahren eingefangen. Um zu wissen, wann genügend Fische da sind, schläft der Fischer zeitweise mitten in seinem Fischbereich. Hört er nachts die Fische herumspringen, weiss er, dass es Zeit ist, auf Fischfang zu gehen. Danach geht er zurück in die Siedlung und organisiert sich Hilfe für den Fang.

 

Lebensmittel, Kleider und alle anderen Artikel werden über Marktboote angeboten. Es gibt jeden Tag einen Morgenmarkt um 05.30 Uhr oder man kauft ein, wenn eines der Händlerboote vor seinem Haus vorbeifährt. Es gibt auch kleine Geschäfte, die man mittels Boot anfahren kann.

Zu meinem Erstaunen gibt es in der Siedlung eine katholische Kirche, eine Synagoge, eine Moschee und etliche Menschen, die der Voodoo-Religion folgen. Die Religionszugehörigkeit spielt gemäss Théophile überhaupt keine Rolle, wodurch es kein Problem ist, jemanden mit einer anderen Religion zu heiraten. Keiner muss dabei seinen Glauben aufgeben oder in eine andere Glaubensgemeinschaft eintreten. Sehr fortschrittlich.

 

Gegen Ende der interessanten Tour legen wir einen Stopp im einzigen Restaurant der Siedlung ein. Dabei darf ich eines der Häuser besichtigen und lerne, dass man, bevor man in ein Haus eintritt, entweder auf Holz klopft oder sich mit einem speziellen Ruf ankündigt. Ist jemand zu Hause, bekommt man Antwort und kann eintreten. In der Mitte des Hauses ist der gesellschaftliche Bereich. Links und rechts davon sind die Schlafabschnitte. Die Küche ist meistens ausserhalb. Jeder Besucher bekommt einen grossen Becher Trinkwasser und ein kleines Glas speziellen Schnaps. Ja, richtig gelesen, Schnaps. Théophile meint, Alkohol sei ein wichtiger Bestandteil in der Kommune, weshalb jeder Besucher immer ein Glas bekommt. Damit die Kinder nicht zu früh davon probieren, sagt er, dass alle Erwachsenen beim Trinken das Gesicht so verziehen, dass man meint, der Schnaps schmecke schrecklich. Natürlich zeigt er mir, wie sie das machen, als er sein Glas trinkt. Ich für mich verzichte gerne auf das Glas Schnaps.

 

Anschliessend tuckern wir langsam zurück zum Pier und Théophile bringt mich zurück ins Hotel, wo meine informative und interessante fünfstündige Tour zu Ende geht. Abends lese ich, dass in Lagos, Nigeria, ebenfalls eine solche Siedlung besteht, die über einen Flusslauf mit Ganvié verbunden ist. Diese wurde jedoch in den letzten Tagen seitens der Regierung abgerissen, weil diese anscheinend illegal sei. Es wird jedoch stark vermutet, dass Grossinvestoren dort eine moderne Siedlung errichten wollen. Da Ganvié nicht in einer solchen Zone liegt und für die Cotonou-Städter deshalb uninteressant ist, besteht die grosse Chance, dass es die Siedlung noch länger geben wird.

Heute Dienstag gehe ich um 14.00 Uhr zur Ghana-Botschaft, um meinen Pass mit Visum abzuholen. Der Schalter ist geschlossen, weshalb ich auf einem Stuhl davor Platz nehme. Es dauert nicht lange, bis ein Mitarbeiter der Botschaft durch eine Tür erscheint und mich etwas verdutzt anschaut. Er fragt mich, ob niemand am Schalter mich bedient, was ich verneine. Daraufhin klopft er am Fenster. Es dauert ein wenig, bis eine der unfreundlichen Mitarbeiterinnen dieses öffnet und ziemlich verschlafen rausschaut. Der Mitarbeiter macht sie darauf aufmerksam, dass ich hier bin, worauf sie unwillig meine Quittung entgegennimmt, und meinen Pass sucht, diesen aber nicht findet. Daraufhin gibt sie mir die Quittung zurück und meint, mein Visum sei noch nicht fertig und will schon wieder das Fenster schliessen. Das lasse ich nicht zu und erwidere sogleich, dass mir das egal sei und ich jetzt meinen Pass will, weil sie diesen nicht einfach zurückhalten kann. Sie versucht mich dann nochmals loszuwerden, was ihr nicht gelingt, weil ich jetzt langsam ziemlich sauer werde und nochmals klar meinen Pass zurückfordere. Das hilft und sie ruft jemanden an, der ihr die Auskunft gibt, dass ich das Visum bekomme und mein Pass morgen früh um 09.00 Uhr für mich zur Abholung bereit sei. Ich erkläre ihr, dass ich morgen meinen Pass zurückwill und ich um 09.00 Uhr hier sein werde und danach weiterreise, egal mit oder ohne Visum. Im Hinterkopf weiss ich, dass ich im Notfall direkt an der Grenze ein Transitvisum kaufen kann, das 48 Stunden gültig ist. Damit könnte ich immer noch das Land durchqueren, wenn es denn nicht anders geht. Sie verzieht ihr unfreundliches Gesicht und meint, ich bekomme meinen Pass morgen sicher zurück. Ziemlich sauer verlasse ich die Botschaft und fluche ein wenig vor mich hin. Kurz darauf surrt mein Handy und ich bekomme drei Meldungen vom Onlineportal der Botschaft, dass mein Visum ausgestellt wurde und ich den Pass morgen abholen kann. Für einmal hat etwas Lautwerden etwas bewirkt. Den Rest des Tages packe ich meine Sachen zusammen und kaufe etwas Proviant für die kommenden Tage ein.

 

Pünktlich um 09.00 Uhr stehe ich mit meiner reisefertig bepackten Honda vor der Botschaft und gehe zum Schalter, wo bereits zwei andere Besucher sind. Als mich die Mitarbeiterin sieht, schiebt sie sogleich meinen Pass durch das Fenster ohne irgendeine Begrüssung oder sonstigen Kommentar. Ich grüsse deshalb übertrieben freundlich, checke den Visaeintrag und bedanke mich anschliessend, schliesslich möchte ich ihre unfreundliche Art nicht übernehmen, auch wenn sie nichts anderes verdient hätte. Zum Glück hat es nun doch noch funktioniert und ich muss Ghana nicht im Schnellzugstempo durchfahren. Anschliessend tanke ich bei einer der kommenden Tankstellen und verlasse Cotonou am Meer entlang. Mein Ziel ist die 50 Kilometer entfernte Stadt Ouidah, die im Zeitalter des Sklavenhandels eine bedeutende Rolle spielte, weil von hier viele Sklaven der umliegenden Staaten auf den Schiffen der Kolonialmächte verliessen.

 

Bis vor kurzem führte lediglich eine sandige Piste dem Meer entlang bis zur Ortschaft, oder man nahm die Hauptverkehrsachse im Landesinneren. Seit einem Jahr bauen sie jedoch eine neue Teerstrasse gleich neben der Piste, die jetzt zu 95 % fertiggestellt ist. So kann ich entspannt und fast ohne Verkehr bis nach Ouidah fahren, wo ich das Denkmal „Porte du Non-Retour“ erreiche. Von hier wurden über 2 Millionen westafrikanische Menschen als Sklaven auf Schiffen der Engländer und Portugiesen ausser Land gebracht. 20 % davon überlebten nicht einmal die Überfahrt. Menschen, die von den Sklavenhändlern gefangen genommen wurden, wurden in Ouidah verkauft. Anschliessend mussten sie im Ort um einen bestimmten Baum herumlaufen. Männer neun Mal, Frauen sieben Mal, was symbolisieren sollte, dass sie ihre Heimat und Kultur zurücklassen müssen. Anschliessend wurden sie über die als „Route des esclaves“ bekannte vier Kilometer lange Strecke zum Meer getrieben, wo sie beim jetzigen Denkmal auf die Schiffe gebracht wurden. Das unbeschreibliche Leid der Menschen ist für uns in keiner Weise nachvollziehbar. Als Europäer fühlt man sich nicht besonders wohl hier, auch wenn die Schweiz nicht direkt daran beteiligt war. Wie ich auf der Tour nach Ganvié vom Guide erfahren habe, war der König des damaligen Dahomey-Königreiches dieser Region intensiv am Sklavenhandel beteiligt. Die Krieger des Königreiches fingen ihre Landsleute ein und der König verkaufte die Menschen anschliessend an die Engländer und Portugiesen, was ihm viel Waffen, Alkohol und Reichtum verschaffte. Und gerade die Geschichte dieses für Benin bedeutenden Königreiches interessiert mich, weshalb mein heutiges Tagesziel das Zentrum des damaligen Königreiches ist, die Stadt Abomey, die etwa 150 km im Landesinneren liegt. Nebst der Geschichte des Königreiches ist diese Region auch bekannt für ihre aktiv gelebte Voodoo-Religion, die in Benin als offizielle Religion gilt. Um diese Religion ranken sich bei uns im Westen viele Mythen, denen ich etwas auf die Spur gehen möchte, um zu schauen, was daran wahr ist und was erfunden wurde, damit es spannender wirkt.

 

Meine Unterkunft in Abomey erreiche ich nach einer unspektakulären Fahrt. Nach einer kurzen Pause melde ich mich erneut bei dem Guide, der mir von mehreren Leuten empfohlen wurde, unter anderem auch von Frederik, den ich in Cotonou kennengelernt habe. Für die morgige Tour zu zwei der bedeutendsten Paläste des ehemaligen Königreiches und den Einblick in die Voodoo-Religion durch den Besuch eines Dorfes und des dortigen Voodoo-Priesters steht nichts mehr im Wege. Eventuell kann ich sogar abends einer Voodoo Zeremonie beiwohnen.

 

Zwischenzeitlich hat sich noch ein österreichisches Paar bei mir gemeldet, das über den Chat mitgelesen hat, dass ich eine Tour in Abomey plane. Wir vereinbaren, dass sie ebenfalls mit auf die Tour kommen, was den Guide natürlich freut, da er dadurch mehr Geld verdienen kann. Da sie wie ich bereits am Nachmittag in Abomey sind, fahre ich zu ihnen. Sie sind mit einem umgebauten Steyr-Lastwagen unterwegs und haben einen Stellplatz mitten in der Ortschaft bei einer Kirche gefunden. Da sie völlig autonom campen können, Küche, WC und Dusche sind in der Kabine eingebaut, benötigen sie lediglich einen sicheren Abstellplatz. Sie heissen Gudrun und Peter und sind seit einigen Monaten unterwegs in Richtung Süden. Dank des eingebauten Kühlschranks bekomme ich seit langem wieder einmal ein gut gekühltes alkoholfreies Bier.

Weil ich das Gepäcksystem nicht extra von der Honda demontieren möchte, verabrede ich mit Marc, unserem heutigen Guide, dass er für € 7.00 ein Motorrad mietet und er mich damit abholt. Gudrun und Peter entscheiden sich hingegen, mit ihrem LKW zu den verschiedenen Sehenswürdigkeiten auf unserer Tour zu fahren. Von meiner Unterkunft holt mich Marc um 09.00 Uhr ab und wir fahren zu Gudrun und Peter, wo es nach einer kurzen Vorstellung unserer Tagestour losgeht. Als erstes fahren wir in ein Dorf, wo wir einen Voodoo-Priester besuchen können, der uns etwas in die uns fremde Religion einführen wird. Der Weg ins Dorf wird etwas schwieriger, weil der LKW eine ordentliche Höhe hat und die Telefon- und Stromleitungen tief hängen. Bis wir eine mögliche Route finden, brauchen wir einiges an Zeit. Im Dorf angekommen, werden wir gleich von einer Schar Kindern in Empfang genommen.

 

Den Voodoo-Priester können wir natürlich nur besuchen, weil er dadurch etwas Geld verdienen kann. Es überrascht, dass er noch jung ist. Wir bekommen einen Einblick in seine Gebetsstätten, wo die verschiedenen Geister der Voodoo-Religion vertreten sind. In der Kurzfassung ist der Voodoo-Priester das Bindeglied zwischen den wichtigsten Geistern, wie zum Beispiel Wasser, Feuer, Donner oder Krieg. Er hilft auch Menschen, wenn diese durch Hexen verhext werden. Im Gegensatz zu den Voodoo-Priestern sind Hexen (Mann oder Frau) für Menschen nicht erkennbar, jedoch von den Priestern. Sie werden oft gerufen, wenn Menschen das Gefühl haben, sie seien verhext worden. Ein Ausdruck davon könnte eine schwere Krankheit oder ein Unfall sein. Wir lernen auch, dass Zwillinge sehr wichtig in der Voodoo-Religion sind und dass ihnen spezielle Kräfte verliehen wurden. Dafür gibt es beim Voodoo-Priester einen extra Altar.

 

Zwei Stunden später wissen wir ein klein wenig mehr über die Religion. Anschliessend fahren wir zum Privatpalast des Königs Guèzo, einem berühmten König des Dahomey-Königreiches. Für europäische Verhältnisse ist der Palast sehr spärlich eingerichtet, und weit und breit ist von dem Prunk, wie wir ihn von den europäischen Königshäusern gewohnt sind, nichts zu sehen. Marc vermittelt uns viel Wissen, das wir nicht alles aufnehmen können, da wir mit dem Königreich Dahomey überhaupt nicht vertraut sind. In diesem Palast lebte einst auch die Königin, die ihren männlichen Kriegern nicht traute und deshalb die Frauenarmee schuf, die in Cotonou durch die grosse Statue symbolisiert wird. Wieder draussen legen wir eine kurze Pause im Schatten ein, wo mir eine Tafel beim grossen Brunnen auffällt. Darauf steht, dass der Brunnen mit Geldern der Schweiz erbaut wurde.

 

Wir sind schon über drei Stunden unterwegs, weshalb wir uns entscheiden, auf dem Rückweg nach Abomey, der Königspalast liegt über 20 km ausserhalb der Ortschaft, bei einem Restaurant einen Lunchstopp einzulegen. Marc kennt ein kleines Lokal, wo wir ein leckeres Omelett-Sandwich für wenig Geld bekommen. Die Inhaberfamilie freut sich sichtlich über den Umsatz, was uns natürlich auch freut.

 

Dann fahren wir zu einem Voodoo-Tempel, der in Form eines Chamäleons gebaut wurde. Das Chamäleon gilt in der Voodoo-Religion als sehr wichtig und steht für Anpassungsfähigkeit und Geduld. Gleich daneben steht ein weiterer Voodoo-Tempel, den wir jedoch nur von aussen begutachten dürfen. Marc kennt die Leute hier sehr gut, weshalb er den Schlüssel für den Chamäleon-Tempel bekommt. Normalerweise ist dieser nur sonntags geöffnet. Drinnen erinnert der Tempel doch sehr an eine Kirche wie bei uns, ausser dass auch hier jeglicher Prunk in Form von Gold fehlt. In einer Ecke stehen Trommeln und andere Musikinstrumente. Marc greift sich eine der Trommeln und beginnt darauf ein wenig zu trommeln, was die uns folgende Kinderschar dazu animiert, sich alle anderen Musikinstrumente zu schnappen und mitzuspielen, woraus ein wildes, kurzes Konzert entsteht.

 

Wieder draussen erklärt uns Marc die verschiedenen Symbole an der Wand des anderen Tempels, den wir nicht betreten dürfen. Dabei fällt sofort die Eingangstüre auf, die in Form eines grossen Löwenkopfes dargestellt ist. Ein anderes Relief fällt ebenfalls sofort auf, weil es einen Mann mit übergrossem Penis darstellt. Gemäss Marc ist die Manneskraft, also die Standfestigkeit des Penis, sehr wichtig. Funktioniert diese nicht mehr so gut, kann man beim Voodoo-Priester einen Saft abholen, der zur Funktionalität beitragen soll, so eine Art Viagra. Was auch auffällt, ist, dass Marc überhaupt keine Berührungsangst mit diesen Themen hat. Er stellt sich neben das Relief und klopft auf den Penis und meint, ja, das sei für einen Mann sehr wichtig. Bei uns würde sich wohl kaum jemand getrauen, sich einfach so neben das Relief zu stellen, auf den Penis zu klopfen und darüber etwas zu erzählen.

 

Langsam sind wir drei müde von all den Eindrücken und der Hitze. Trotzdem verschieben wir uns noch einmal und besuchen den Fetischmarkt. Hier können vornehmlich Tierbestandteile für rituelle Zeremonien gekauft werden. Für unsere Begriffe ist das echt abschreckend, weil alles Mögliche an toten Tieren oder Teilen davon angeboten wird. Entsprechend stinkt es überall. Mit Touristen können die Marktverkäufer kein Geld verdienen, weil sicher niemand von den toten Tieren etwas kauft. Dafür verlangt jeder einzelne Stand Geld, wenn man Fotos machen will. Davor hat uns Marc im Vorfeld gewarnt. Wir entscheiden uns dann für einen Stand, der lediglich € 1.00 verlangt, um einige Fotos zu machen.

 

Zwischenzeitlich ist es 16 Uhr geworden und Marc erwähnt, dass wir um 17.30 Uhr einer Voodoo-Zeremonie beiwohnen könnten, die etwa zwei Stunden dauert. Der Chief des Bezirks, wo die Zeremonie stattfindet, hätte ihn soeben informiert, dass wir teilnehmen können gegen eine Gebühr von € 15.00. Marc meint, dass wir nur so an eine der Zeremonien gehen könnten, weil wir sonst nicht willkommen seien. Obwohl wir alle drei müde sind, entscheiden wir uns, daran teilzunehmen. So eine Gelegenheit bietet sich nicht oft, zumal hier die Zeremonien nicht wegen uns abgehalten werden und wir lediglich geduldet werden.

 

Wir fahren zurück zum Stellplatz bei der Kirche und machen eine kurze Pause. Die Zeremonie findet dann nicht allzu weit von uns entfernt statt, weshalb Gudrun und Peter mit einem Moto-Taxi folgen. Es stellt sich dann schnell heraus, dass sie mit dem LKW niemals dahin gekommen wären und wir allein den Platz kaum gefunden hätten. Einige der Trommelgruppen sind schon da, und nach und nach kommen immer mehr Leute. Marc hat uns im Vorfeld geraten, dass wir einige kleine Geldscheine dabeihaben sollen, damit wir die Tänzer bei Bedarf etwas geben können. Er würde uns dann immer sagen, wenn wir das tun sollen.

 

Nach und nach tauchen immer mehr Maskentänzer auf, die alle einen Geist, Ahnen oder mythologische Wesen repräsentieren. Mit ihnen tauchen andere Trommelgruppen auf, und nach und nach wird es zu einer für uns hektischen Veranstaltung. Die Maskentänzer folgen anscheinend einem Protokoll, das für uns aber nicht ersichtlich ist. Für uns erkennbar ist nur, dass sie entweder zur Trommelmusik tanzen oder plötzlich ins Publikum rennen und irgendwelche Leute jagen. Anscheinend sind das Menschen, die etwas angestellt haben, das in der Voodoo-Religion verboten ist. Wieso die Tänzer dies Wissen, bleibt uns aber verborgen. Die Tänzer gehen dabei recht unzimperlich umher, weshalb alle umliegenden Menschen sofort in alle Richtungen fliehen. Das wirkt manchmal ziemlich bedrohlich auf uns. Auf der anderen Seite bleibt Marc ruhig sitzen und meint, das sei alles normal.

 

Nach und nach kommen natürlich die Tänzer zu uns und wollen einen Tribut. Diesen verteilen wir jeweils über Marc. Das wird jedoch je länger, je schwieriger, weil die Tänzer die Einforderung immer heftiger vornehmen, weshalb wir bald einen Mann vor uns haben, der uns mit einem Stock quasi bewacht. Ganz so harmlos, wie Marc das nimmt, ist es also doch nicht. Auch der ältere Herr neben mir setzt sich manchmal für uns ein, wenn die Tänzer zu heftig auf uns loskommen.

 

Im krassen Gegensatz ist das kleine Mädchen, das mittlerweile auf Gudruns Schoss sitzt. Ihre Mutter steht hinter Gudrun und hat das Angebot von ihr angenommen, die Kleine ihr auf den Schoss zu geben, anstatt sie und das Kleinkind auf dem Rücken selbst zu halten. Seit mehr als einer halben Stunde sitzt die Kleine völlig ruhig auf Gudruns Schoss. Nicht einmal zeigt sie Angst, als einer der Tänzer wild daherkommt oder die Trommeln überlaut ertönen. Auch sonst will sie nie runter oder beklagt sich sonst irgendwie. Unglaublich.

 

Marc gibt uns langsam zu verstehen, dass wir bald aufbrechen. Er meint, es sei besser, wenn wir früher gehen, weil es zum Schluss einer Zeremonie manchmal ausarten kann und die Menschen mit Stöcken gegenseitig auf sich losgehen. Den Grund dafür kann er uns nicht richtig erklären. Wir brechen deshalb nach ein paar weiteren Minuten auf und verlassen den Platz quasi durch die Hintertüre. Dabei lernen wir noch den Chef des Bezirkes kennen, der uns gegen das Entgelt eingeladen hat. Danach gehen wir durch einige Seitengassen zum Motorrad von Marc, wobei wir ein- oder zweimal warten müssen, weil irgendeiner der Tänzer hier ebenfalls herumrennt.

Zurück beim Motorrad zeigt uns ein Anwohner einen kürzeren Weg zurück zur Hauptstrasse als Marc ihn kennt. Ich kann ihm ansehen, dass er ein wenig erleichtert ist, als wir die Hauptstrasse danach erreichen. Eines ist sicher: Ich bzw. wir selbst hätten uns niemals getraut, an dieser Zeremonie teilzunehmen, und wie Marc schon erwähnt hat, wären wir kaum willkommen gewesen. Interessant war es aber allemal, zumal dies nichts mit einer touristischen Veranstaltung zu tun hatte, sondern eine Voodoo-Zeremonie war, wie sie in dieser Gegend alle paar Tage stattfindet.

 

Für viel mehr reicht unsere Energie für heute nicht mehr, weshalb wir uns zurück auf dem Stellplatz von Gudrun und Peter verabschieden und mich Marc danach zurück ins Hotel fährt. Ich bedanke mich bei ihm für die großartige und informative Tour. Das war echt klasse.

Route und Downloads

Track & POI meiner Route

Die GPX Datei enthält den Track und die POI der Strecke „Benin – Voodoo, Königreich und Ganvié“

Bild von Christian Feustle
Christian Feustle

Autor und Inhaber der Marke Motoglobe

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