Allein durch das Rebellengebiet und zügig durch Nigeria
19.02.2026 routen >> afrika hautnah
Meine heutige Fahrt bis nach Douala, die zweitgrösste Stadt Kameruns, ist mit 170 km überschaubar. Von dort sind es bis nach Buea, dem Ausgangspunkt für die Fahrt durch das Rebellengebiet bis zur nigerianischen Grenze, lediglich noch 70 km. So werde ich die Stadt am Nachmittag erreichen und mich gegebenenfalls rechtzeitig beim Militärkonvoi anmelden können.
Der grösste Teil der Strecke bis nach Douala verläuft in die Gegenrichtung zu der, in die ich nach Kribi gefahren bin. Verkehrstechnisch ist wenig los, was sich bei der Kreuzung in Edéa, wo ich auf die Hauptverkehrsachse zwischen Jaunde und Douala einbiege, schlagartig ändert. Ab jetzt bin ich von LKW und Individualverkehr umringt.
Kurz vor Douala halte ich bei einer neuen Total-Tankstelle, wo ich den Benzintank fülle und im gut ausgestatteten Shop eine Kaffeepause einlege. Jedes Mal, wenn ich einen gut schmeckenden Kaffee vor mir habe, wundere ich mich über die vielen Kommentare auf Social Media, die prophezeien, dass zwischen Dakar und Luanda kein guter Kaffee, keine Snacks und keine angenehmen Unterkünfte zu finden seien. Schaut man bei seiner Planung aber etwas genauer hin, findet man immer kleine Oasen. Jedenfalls geht das mir so.
Meine Unterkunft, die Deutsche Seemannsmission, liegt im Zentrum der Stadt. Zu meiner Überraschung komme ich im Schnellzugstempo dorthin, weil die Hauptstrasse so gebaut ist, dass in der Mitte zwei Spuren verlaufen, die für eine schnelle Fahrt konzipiert sind, während rechts und links davon nochmals jeweils eine Spur verläuft, wo 90 % des Verkehrs rollt, weil dieser hauptsächlich aus Taxis und Mototaxis besteht, die dort ihre Kunden am Strassenrand finden. Lediglich bei den Kreiseln kommen alle Spuren zusammen, was regelmässig zu einem kleinen Chaos führt und sich danach gleich wieder auflöst. Dazu trägt auch der miserable Strassenzustand in den Kreiseln bei. Ich habe jedes Mal das Gefühl, dass kurz davor der Strassenbau gestoppt wurde und seit Jahren tonnenschwere Trucks darüber rollen, was zu riesigen Löchern führt, die sich dann bei Regen zu kleinen, tiefen Seen entwickeln. Davon solchen Wasserdurchfahrten bleibe ich heute zum Glück verschont.
Die Seemannsmission ist heute ein normales Hotel am Ende einer Sackgasse. Der grüne Garten mit Pool und Restaurant animiert zum Relaxen, was ich nach meiner Ankunft auch mache. Abends bestelle ich ein Nudelgericht mit Huhn und Gemüse. Richtig lecker.
Als ich danach an der Bar eine Flasche Wasser kaufe, frage ich nach, ob der Manager vor Ort sei. Meine deutsche Gastgeberin in Kribi meinte, er komme aus Deutschland und kenne sich in Kamerun gut aus. Er wisse vermutlich gut Bescheid über die Route durch das Rebellengebiet bis nach Nigeria. Gemäss dem Mitarbeiter ist er und seine Familie jedoch in den Ferien. Er fragt weiter, ob er mir helfen könne, worauf ich ihm erzähle, dass ich morgen nach Buea fahre und von dort durch das Konfliktgebiet zur Grenze nach Nigeria möchte und gerne etwas mehr Infos dazu hätte, von jemandem, der mit der aktuellen Situation vertraut ist. Es stellt sich heraus, dass er aus einer kleineren Siedlung mitten aus diesem Gebiet kommt und die Strecke zwischen Buea und Ekok (Grenzübergang nach Nigeria) schon öfters gefahren ist. Er rät mir klar, dass ich allein fahren soll, weil dem Militär nicht zu trauen sei, da sie grundsätzlich nur auf sich selbst schauen. Zudem reagiert er mit einem lauten Lachen, als ich erwähne, dass der Konvoi gratis sei. Dazu meint er, dass das Militär nichts gratis für die Sicherheit der Bevölkerung mache. Zu den Rebellen äussert er sich so, dass diese grundsätzlich nur an ihrem Konflikt interessiert seien, also an der Unabhängigkeit des englischsprachigen Teils Kameruns vom französisch sprechenden. Wenn ich in eine von ihnen errichtete Strassensperrung fahren würde und klar zum Ausdruck bringe, dass ich ihr Anliegen unterstütze und ihnen etwas Geld gebe, käme ich aus seiner Sicht unbeschadet durch. Wir plaudern dann noch etwas weiter, bis er zum Abschluss doch noch meint, ein Risiko bestehe natürlich immer, wenn man durch dieses Gebiet fahre, und ich solle einfach auf Gott vertrauen. Ob das hilft, bezweifle ich, aber jedenfalls habe ich jetzt einmal eine konkrete Meinung bekommen.
Mein Ziel war es, dass ich bis heute Abend entscheide, wie ich die Strecke angehe, in Bezug darauf, was für mich die grössten Risiken sind und was ich vertreten kann. Würde der Militärkonvoi tagsüber fahren, wäre es klar für mich, dass ich mich ihm anschliessen würde. Weil er aber nachts um 01.00 Uhr startet, würde ich mehr als drei Viertel der 300 km Strecke im Dunkeln fahren. Auf afrikanischen Strassen mit ihren teils heftigen Schlaglöchern ist das für mich auf dem Motorrad ein erhebliches Risiko. Zumal bekannt ist, dass der Konvoi mit durchschnittlich 80 km/h unterwegs ist. Kann ich dem Konvoi wegen des hohen Tempos nicht folgen, wäre ich nachts allein im Rebellengebiet auf mich gestellt. Auch nicht gerade das, was ich anstrebe. Fahre ich tagsüber allein, kann es mir passieren, dass ich von einem Armee-Check-Point aufgehalten werde, weil ich nicht allein durch das Gebiet fahren darf, da sie ja einen Konvoi anbieten. Das ist einem Motorradreisenden vor einem Jahr passiert. Er musste dann für drei Tage beim Check-Point warten und campieren, bis ihn der nächste Konvoi mitnahm. Dieses Risiko ist jedoch gesunken, weil der Konflikt in den letzten Monaten insgesamt abgeklungen ist. Zudem passiert es regelmässig, dass auf dem Konvoi in der Gegenrichtung, also von der Grenze nach Buea, Reisende vom Konvoi abgehängt werden und dann allein weiterfahren und ohne Probleme bei den Check-Points durchkommen. Das andere Risiko sind die Rebellen selbst. Zeitweise errichten sie spontane Check-Points. Würde ich in einen solchen hineinfahren, weiss ich nicht, was passiert. Positiv am allein fahren ist, dass ich solo auf dem Motorrad viel weniger auffalle und so immer erst im letzten Moment für viele als Tourist erkennbar bin.
Nach langem Hin und Her entscheide ich mich vor dem Einschlafen, dass ich die Strecke allein fahre. Das Risiko, von einem sporadisch vorhandenen Check-Point der Rebellen gestoppt zu werden, erachte ich als kleiner, als mit hoher Geschwindigkeit nachts in eines der Schlaglöcher zu fahren und zu stürzen oder abgehängt zu werden. Trotz der Entscheidung dauert es eine Weile, bis mich meine Gedanken einschlafen lassen.
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Eile ist heute keine geboten und so nehme ich es gemütlich. Meine sieben Sachen habe ich nach dem ausgiebigen Frühstück schnell gepackt und checke aus dem Zimmer aus. Gleich loszufahren lohnt sich nicht und so setze ich mich in eine der schattigen Pergola und lese ein wenig. Gegen Mittag bepacke ich dann die Honda und fahre los.
Die ersten 10 Kilometer durch das Stadtgetümmel verlaufen wie beim Hineinfahren. In der mittleren Spur komme ich schnell voran, da fast alle die seitlichen, langsamen Spuren nutzen. Nach einer längeren, staubigen Baustelle ist leider Schluss damit und der ganze Verkehr rollt auf einer normalen, löcherigen Strasse, was regelmässig zu Wartezeiten führt. Nicht angenehm in dieser Hitze.
Nach sehr langsamen 30 Kilometern folgt endlich die Abzweigung nach Buea, das auf knapp 700 Metern liegt. Deshalb dauert es nicht lange, bis die Strasse ansteigt. Damit haben die schwerbeladenen und schlecht gewarteten LKW ihre liebe Mühe. Entweder kriechen sie hinauf oder stehen am Strassenrand wegen Überhitzung oder heisser Bremsen, bei denjenigen, die runterkommen.
In Buea selbst herrscht das Chaos pur. Sowohl die Strasse durch die Ortschaft hindurch als auch die ins Stadtzentrum wird erneuert, was zu einem heillosen Durcheinander führt. Es dauert gefühlt eine Ewigkeit, bis ich mich da hindurchgezwängt habe und zur Abzweigung der Strasse zu meinem herausgesuchten Guesthouse gelange. Ab hier hat es viel weniger Verkehr, dafür wird die Strasse zum Desaster. Löcher, die schon fast Mulden sind, folgt der nächsten. Mit einem Auto eigentlich kaum zu befahren, mit dem Motorrad geht es gerade noch.
Endlich im Guesthouse angekommen, entpuppt sich dieses als neue, moderne Unterkunft mit etlichen Zimmern. Mir wird sogleich eines davon gezeigt, um mir danach im gleichen Tempo von einer neu hinzugekommenen Mitarbeiterin mitgeteilt zu bekommen, dass dieses schon vergeben ist und sie nur noch eines im teureren Segment haben. Ich nicke und sage, dass sie es mir bitte zeigen sollen, was die beiden machen. Das Zimmer ist riesig und hat sogar einen Balkon. Ich stimme zu, ziehe meine Jacke aus und deponiere den Helm auf dem Tisch. Danach folge ich den beiden nach draussen, um die Rechnung zu bezahlen und mein Gepäck zu holen. Dabei läuft uns der Manager der Anlage über den Weg, der den beiden und mir mitteilt, dass kein Zimmer frei ist und ich meine Sachen wieder rausholen müsse. Das strapaziert dann doch meine Geduld und ich reagiere für afrikanische Verhältnisse etwas ungehalten im Wissen, dass sie damit ihre liebe Mühe haben. Macht aber nichts, immer polite muss ich nicht sein, vor allem nicht, wenn ich das Gefühl habe, ich werde verarscht.
Ich hole meine Sachen aus dem Zimmer und gehe zurück zu meinem Motorrad, wo mittlerweile alle versammelt stehen und diskutieren. Bevor ich mich anziehe, hole ich mein Handy hervor und öffne die Booking.com-App, wo ich heute Morgen ein freies Zimmer in dieser Unterkunft gesehen habe. Das Zimmer wird nach wie vor angezeigt, was ich dem Manager zeige, und sage, dass es schon komisch sei, dass ich auf Booking.com ein Zimmer buchen kann, sie mir aber sagen, dass sie voll sind. Er schaut sich die Offerte an und meint sogleich, ja, dieses Zimmer habe er frei. Das sei aber kleiner als die anderen beiden. Ich könne es mir aber gerne anschauen. Ich schüttle den Kopf, weil das Verhalten einfach nicht nachvollziehbar ist, und sage, wenn das Zimmer wirklich frei sei, solle er es mir bitte zeigen. Und siehe da, ich bekomme es. Vermutlich wollten sie mir einfach nicht ihr günstigstes Zimmer vermieten, weshalb auch immer. Trotzdem bin ich froh, nicht durch das Verkehrschaos in der Stadt eine andere Unterkunft suchen zu müssen.
Etwas später komme ich mit dem Manager erneut ins Gespräch, wobei er mich fragt, wo ich als Nächstes hinfahre. Ich erkläre ihm, dass ich nach Ekok zur Grenze nach Nigeria möchte. Er nickt und meint sogleich, dass ich dafür mit dem Militärkonvoi fahren müsse. Ich erkläre ihm dann meine Beweggründe, wieso ich das nicht mache und es morgen alleine versuche. Er hört mir skeptisch zu und meint, dass nur der Militärkonvoi sicher sei, weil die Rebellen Angst vor dem Militär hätten. Für eine Umentscheiden ist es jetzt aber zu spät, weil ich mich beim Militärposten für den Convoy um die Mittagszeit hätte anmelden müssen. Von daher bleibe ich bei meiner Entscheidung. Er erzählt mir dann noch ein paar Dinge über die Rebellen, wovon das Wichtigste ist, dass man, wenn man sich an ihre Regeln hält, wenig zu befürchten habe. Eine der wichtigsten Regeln ist, dass man am Montag nicht herumreist und sein Haus nur für wichtige Besorgungen in der Nachbarschaft verlässt. Der Tag wird im englischsprachigen Raum von Kamerun „Ghost Day“ genannt und wird strikt eingehalten. Das heisst, am Montag steht Buea, eine Stadt mit 300’000 Einwohnern, quasi still. Damit wollen die Rebellen ihre Stärke hervorheben Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass sich die Rebellen wirklich nur auf den englischsprachigen Raum konzentrieren und ihren Konflikt nicht in den französischsprachigen Grossteil des Landes hinaustragen. So gilt diese Montagsregelung in Douala, das lediglich 70 km entfernt liegt, überhaupt nicht, weil die Stadt französischsprachig ist. Eine andere Regel besagt, dass die Rebellen ihre Angriffe immer im Morgengrauen oder in der Abenddämmerung durchführen. Zusammengefasst heisst das, dass man nie an einem Montag durch das Rebellengebiet fahren darf und nicht früh am Morgen oder später am Abend. Was meine Strecke betrifft, meint der Manager, dass er diese bis vor zwei Jahren regelmässig gefahren sei, weil er mit Benzin gehandelt habe. In Nigeria ist das Benzin viel billiger als in Kamerun. Er habe damals kaum Probleme mit den Rebellen gehabt, aber auch immer ein wenig Schutzgeld bezahlt. Grundsätzlich treffe man die Rebellen auf der Hauptstrasse selten an. Jedoch könne es sein, dass sie sporadisch Strassensperren errichten und Wegzoll einfordern. Sollte ich einer solchen begegnen, solle ich einfach nur Englisch reden und zum Ausdruck bringen, dass ich ihr Anliegen unterstütze und ihnen etwas Geld gebe. Als Tourist sei ich vermutlich nicht ihr Ziel, jedoch wisse man nie genau, was sie im Schilde führen. Alles in allem gute Informationen für mich, die mir jedoch das mulmige Gefühl für die morgige Fahrt keineswegs nehmen.
Mit Diana, meiner Ex-Partnerin, stehe ich weiterhin in regem Kontakt. Mit ihr vereinbare ich, dass ich ihr heute von unterwegs bis zur Grenze regelmässig meinen Standort schicke. Sollte ich irgendwo auf grössere Probleme stossen, wäre es so einfacher nachzuvollziehen, wo ich in etwa bin. Zudem ist mein inReach-SOS-Gerät eingeschaltet, welches alle 30 Minuten meinen Standort trackt und aufzeichnet. Den Zugriff auf diese Daten hat Diana ebenfalls.
Mein Ziel ist es, die 300 km lange Strecke so rasch wie möglich zu durchqueren. Meine Benzinreserven sind dafür gut gefüllt, genug Wasser habe ich dabei und auch etwas Proviant für ein bis zwei kürzere Pausen.
Gegen 08.00 Uhr verlasse ich das Guesthouse und holpere auf der miserablen Strasse zurück ins Zentrum, wo der Verkehr erneut chaotische Züge hat. Einige hundert Meter später kann ich auf eine Nebenstrasse abbiegen, die mich zu meiner Route aus Buea hinausbringt.
Auf den ersten fünf Kilometern ist die Strasse miserabel. Das wäre nachts bereits eine erste grössere Herausforderung gewesen. Danach bessert sich der Strassenbelag und ich komme gut vorwärts. Ich passiere einige Militärfahrzeuge und auch einen Konvoi, der für die Sicherheit von fünf Tanklastwagen sorgt.
Bis nach Kumba, die nächste grössere Stadt und Zentrum des Rebellenkonflikts im Südwesten, komme ich zügig voran und werde lediglich von einem Militär-Check-Point gestoppt, wo kurz nachgefragt wird, ob ich nach Ekok fahre. Als ich nicke, kann ich mit einem «Bon Voyage» (die Soldaten sprechen alle Französisch) weiterfahren. Das ist doch schon einmal ein positives Zeichen, dass mich das Militär ohne Diskussionen durchlässt. Bei allen anderen Check-Points kann ich wie die lokalen Motos einfach seitlich durchfahren.
Wie in Buea ist in der Stadtmitte viel los, jedoch ohne stehendes Verkehrschaos. Am Stadtrand angekommen, fahre ich an einer grossen Militärkaserne vorbei, wo unzählige Soldaten herumstehen. Beim dazugehörigen Check-Point werde ich erneut gestoppt, jedoch wie zuvor mit der Angabe, dass ich nach Ekok fahre, sogleich durchgelassen. Kurz darauf halte ich an und schicke ein erstes Mal meine Position via WhatsApp an Diana.
Nun folgen über 100 km wenig besiedeltes Dschungelgebiet. Bis etwa zur Hälfte verläuft alles ohne besondere Vorkommnisse. Wenn möglich, folge ich Autos oder anderen Motos, die in etwa das gleiche Tempo wie ich haben. So sehe ich frühzeitig, wenn diese vor mir aus irgendeinem Grund halten müssen.
In einem der anschliessenden Dörfer treffe ich plötzlich auf mehrere gepanzerte Militärfahrzeuge, die am Strassenrand stehen, und schwerbewaffnete Soldaten, die darum herumstehen und mit den Leuten diskutieren. Zudem ist die Strasse mit unzähligen Ästen versperrt, denen ich mit der Honda aber gut ausweichen kann. Auch hier zeigt sich der Vorteil eines Motorrads. Bis die Soldaten und Dorfbewohner realisieren, dass ich kein Local bin, bin ich bereits auf ihrer Höhe und sie können mich nicht mehr stoppen. Natürlich lassen die vielen Soldaten und die versperrte Strasse meine Anspannung weiter ansteigen, aber etwas anderes als weiterzufahren und somit hoffentlich bald aus der Gefahrenzone herauszukommen, gibt es nicht. Beruhigend ist, dass seit Längerem ein Transportmotorradfahrer vor mir fährt, dem ich einfach folge und so unbeschadet und schnell aus der Ortschaft herauskomme. Bis nach Nguti, der nächsten grösseren Siedlung auf der Strecke, bleibt er vor mir.
Nach der Ortschaft schicke ich erneut meinen Standort an Diana und kurve weiter nach Bakebe. Es gäbe zwar eine Abkürzung ab Nguti. Von der haben mir aber alle abgeraten, mit denen ich gesprochen habe. Diese führt direkt durch Gebiete, in denen die Rebellen aktiv sind.
Von Bakebe nach Bachuo ist es vorbei mit angenehmer Teerstrasse und ich komme in den Genuss einer löchrigen, mit Wassertümpeln bespickten Schotterpiste. Während der richtigen Regenzeit wäre dieser Abschnitt sicher nicht einfach zu befahren. Mit den jetzigen nur sporadischen Gewittern sind einfach die Löcher und Mulden mit Wasser gefüllt, aber nicht alles darum herum matschig.
Was auffällt, ist, dass seit Längerem keine Militär-Check-Points mehr vorhanden sind. Ein Zeichen dafür, dass das Militär in diesem Gebiet nur schwach vertreten ist. Dafür kommt mir auf der Schotterpiste der Militärkonvoi von Ekok nach Buea entgegen, der an den gleichen Tagen fährt wie von Buea nach Ekok. Nur startet dieser morgens, was natürlich viel angenehmer ist. Zwischen den beiden gepanzerten und mit leichten Kanonen bestückten Fahrzeugen bewegt sich lediglich ein Touristenfahrzeug. Wer von Nigeria nach Kamerun über diese Grenze einreist, muss den Militärkonvoi nehmen. Man wird nämlich beim kamerunischen Zoll bei der Einreise gleich von der Polizei gestoppt und der Pass wird einem abgenommen. Den bekommt man erst wieder, wenn der Konvoi losfährt. Somit gehen sie auf Nummer sicher, dass nicht jemand selbstständig losfährt. In meine Richtung wurde das nicht eingeführt, weil kaum Touristen von Süden nach Norden fahren und es auch gar keinen Punkt gibt, an dem alle Touristen durchfahren müssen, wie bei der Grenze.
Nach knapp einer Stunde habe ich den Schotterabschnitt hinter mir und schicke eine weitere Standortnachricht nach Hause. Mittlerweile habe ich in guter Zeit mehr als die Hälfte der Strecke geschafft.
Nächstes Ziel ist Mamfe, die letzte grössere Ortschaft auf meiner Route zur Grenze. Gemäss Google Maps gibt es dort sogar eine Total-Tankstelle. Ist diese in Betrieb, werde ich meine Benzinreserven auffüllen und eine kurze Pause einlegen. Als ich in der Ortschaft und bei der Tankstelle ankomme, ist davon nicht viel übriggeblieben. Sie ist niedergebrannt worden. Nun gut, Benzin brauche ich nicht wirklich. Ich hätte die Gelegenheit einfach genutzt und noch etwas von den Francs ausgeben können.
Ab hier sind es noch 60 km bis zur Grenze. Bei einer kurzen Pause ausserhalb der Ortschaft schicke ich Diana eine weitere Standortnachricht. Die nächste ist dann hoffentlich von der Grenze aus die letzte.
Einige Kilometer vor der Grenze stehen zwei bewaffnete Typen auf der Strasse und halten mich an. Sie haben Uniformen an, sehen aber nicht wie die anderen Soldaten aus. Zudem sind ihre Gesichter vermummt. Der eine redet etwas Englisch und begrüsst mich freundlich. Er fragt, ob ich ihnen etwas Geld für Wasser geben könne, schliesslich seien wir doch Freunde. Da mir die beiden recht komisch vorkommen und ich mich auf dieser Strecke auf keine Diskussionen einlassen will, erwidere ich freundlich, dass ich ihnen gerne etwas gebe, und reiche ihm in etwa den Betrag, der mir gestern der Hotelmanager empfohlen hat. Der Typ ist sichtlich erfreut, bedankt sich und wünscht mir eine gute Weiterfahrt. Das nehme ich sofort an und gebe Gas. Wer immer das war, ich bin froh, gut davongekommen zu sein.
Ja, und dann erreiche ich die Grenze, was meine Anspannung um einiges löst. Diese Strecke unbeschadet hinter mir zu haben, beruhigt mich deutlich. Bevor es zur effektiven Grenze geht, schicke ich meine letzte Nachricht nach Hause.
Dass der heutige Tag aber noch nicht fertig ist, zeigt mir der anschliessende Check-Point der Polizei. Mindestens drei Beamte stoppen mich und winken mich auf die Seite. Sie fragen mich, woher ich komme und ob ich allein sei. Ich nicke und sage, dass ich von Buea komme. Das können sie nicht einordnen und fragen mich mindestens noch drei Mal das Gleiche. Dabei verlangen sie meinen Pass und das Carnet de Passage. Es dauert dann eine Weile, bis ein im Trainingsanzug gekleideter Mann auftaucht, der gut Englisch spricht und meint, wieso ich allein komme und nicht mit dem Militärkonvoi. Ich erzähle, dass ich diesen verpasst habe und alles gut gelaufen ist. Er schüttelt ein wenig den Kopf, lässt es dann aber dabei bewenden. Er gibt mir meinen Pass und das Carnet zurück und sagt, dass ich dem Beamten auf dem Motorrad folgen müsse. Dieser bringe mich zur Immigration, die im Dorf unten liege. Das mache ich, wobei wir von der Strasse in Richtung Grenzbrücke abzweigen und durch das Dorf fahren, wo ganz am Schluss das Immigrationsgebäude ist. Von hier ging es früher über die alte Brücke über den Cross-River-Grenzfluss.
Ausser mir ist niemand vor Ort ausser zwei Beamten der Immigration. Sie begrüssen mich und nehmen meinen Pass entgegen. Danach bieten sie mir draussen im Schatten bei einem Ventilator einen Platz an, neben einem jüngeren Mann in ziviler Kleidung, der vor sich drei Maschinenpistolen auf dem Tisch liegen hat. Ich begrüsse ihn und frage, ob das seine seien. Er lacht und meint ja, er arbeite für die Polizei.
Es dauert dann über eine halbe Stunde, bis ich den Ausreisestempel bekomme. Die beiden Beamten können es kaum nachvollziehen, dass ich einerseits allein hier auftauche und nach Nigeria will und dass ich ein Visum habe, welches sechs Monate gültig ist, mit der Möglichkeit, dazwischen so oft ich will ein- und auszureisen. Ich versuche ihnen dann zu erklären, dass dies vermutlich so ist, weil ihr Präsident oft in der Schweiz ist und wir deshalb von Kamerun bevorzugt behandelt werden. Sein Englisch ist jedoch nicht sehr gut und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, versteht er mich nicht. Wie auch immer, als ich den Ausreisestempel habe, bedanke ich mich und frage, wo der Zoll für das Ausstempeln meines Carnets ist. Sie erwidern, dass ich zurück auf die Hauptstrasse müsse und danach über die Brücke fahren solle, wo der Zoll sei. Das mache ich und gelange nach der Brücke auf ein grösseres Grenzareal mit unzähligen Gebäuden. Doch zuerst stoppt mich eine Barriere, wo ein nigerianischer Soldat steht, erkennbar an seiner grossen Flagge an den Schultern. Ich frage, wo ich den kamerunischen Zoll finde. Er zeigt mit dem Finger auf eine Person, die mit anderen unweit von uns im Schatten herumsitzt. Danach öffnet er die Schranke und ich rolle zu der Gruppe hinüber. Auf meine Frage hin, wer von ihnen zum kamerunischen Zoll gehöre, steht ein Mann auf und meint, ich solle ihm folgen. Danach steigt er in ein Auto und wir kurven durch das grosse Areal zu einem Gebäude, welches ich allein wohl kaum je gefunden hätte. Dort sitzen weitere Beamte herum, wovon eine Frau sich mir gleich annimmt und mein Carnet innert Minuten abstempelt. Anschliessend meint sie, ich könne ein paar Meter weitergehen, wo der nigerianische Zoll sei, was auch so ist. Hier treffe ich auf einen sehr freundlichen Beamten, der mich als Erstes in Nigeria willkommen heisst und gleich mein Carnet abstempelt. Danach zeigt er mir, wo ich die Immigration finde, die einige hundert Meter der Strasse entlang in einer kleinen Baracke sei.
Verpassen kann ich diese nicht, weil mich eine weitere Schranke und unzählige Soldaten davor stoppen. Auch hier werde ich von allen Beamten mit einem Willkommen in Nigeria begrüsst und einer zeigt auf die Baracke, wo ich hinmüsse. So freundlich wurde ich schon länger nicht mehr in einem Land begrüsst.
Der Immigrationsbeamte ist dann etwas muffiger. Aber auch er murmelt als Erstes ein Willkommen in Nigeria. Ich reiche ihm den Ausdruck meines e-Visums und der Landing Card, die ich vor zwei Tagen ausgefüllt habe. Ein Muss, wenn man in Nigeria einreisen will. Es wird jedoch sofort klar, dass der Beamte mit dem e-Visum und der Landing Card nicht vertraut ist. Er schaut beide Formulare lange an und danach meinen Pass. Dann meint er, ich solle mich draussen hinsetzen. Zehn Minuten später ruft er mich wieder hinein und übergibt mir meinen Pass mit dem Einreisestempel. Dazu meint er, dass er den Ausdruck des e-Visums behalte und ob ich für mich einen Ausdruck hätte. Ich verneine, weise aber darauf hin, dass ich das PDF auf meinem Handy gespeichert habe. Er nickt und lässt mich gehen. Zurück beim Motorrad frage ich die Soldaten, ob ich ein Erinnerungsfoto mit meinem Motorrad und der Immigration machen darf. Sie verweisen mich an ihren Chef, der im Schatten sitzt. Er meint dann auf meine Frage hin, das sei schwierig wegen Gründen der Sicherheit. Ich belasse es dabei und verabschiede mich. Und dann bin ich offiziell in Nigeria, dem Land mit den meisten Check-Points in Afrika, einer instabilen Sicherheitslage und Strassenverkehr, der für sein Chaos und seine rücksichtslose Fahrweise bekannt ist. Ich bin gespannt, was da auf mich zukommt.
Einen ersten Vorgeschmack auf die Check-Points bekomme ich auf der Fahrt nach Ikom, der ersten Ortschaft in Nigeria. Auf der 25 Kilometer langen Strecke kommt gefühlt alle zwei Kilometer ein Check-Point. Vier davon sind von der Immigration, wo ich jedes Mal auf die Seite gewunken werde, und meinen Pass zeigen muss, inklusive des e-Visums auf meinem Handy. Begrüsst werde ich an allen Kontrollpunkten freundlich und die Beamten fragen mich über meine Reise aus und wo ich in Nigeria hinmöchte. Daneben werden meine Daten in eines ihrer dicken Bücher eingetragen. Bei allen anderen Check-Points kann ich wie üblich in Afrika seitlich auf einem schmalen Durchgang für Motorräder vorbeifahren. Das geht hier ebenfalls problemlos. Einfach den lokalen Motos folgen. Ich merke nämlich schnell, dass ausschliesslich Autos kontrolliert werden respektive diese bezahlen müssen.
In Ikom angekommen erwartet mich gleich ein hohes Verkehrsaufkommen, welches hauptsächlich von Tuk-Tuks und Moto-Taxis dominiert wird. Das erste von mir herausgesuchte Hotel ist leider voll. Kein Wunder, es sieht recht neu aus und heute ist Valentinstag. Da sind solche Anlagen oft voll. Meine zweite Wahl liegt drei Kilometer ausserhalb des Zentrums, wo ich ohne Probleme ein Zimmer bekomme. Geld zu bezahlen habe ich noch keines, worauf mir der Hotelmanager gleich anbietet, dass jemand von ihnen auf den Markt fährt, wo sie für mich Geld wechseln können. Ich nehme das Angebot an und gebe ihm meine restlichen Francs, welche umgerechnet etwa 70 Euro wert sind. Ich frage zugleich, ob sie mir die SIM-Karte, die ich von Martin bekommen habe, aufladen können, was er bejaht. Und so habe ich nach einer halben Stunde genügend lokales Geld in der Tasche, um die Rechnung zu bezahlen, und bin bereits online. Danach ist meine Energie für heute aufgebraucht. Ich bestelle mir etwas zu essen und plane danach nur noch meine Weiterfahrt durch Nigeria, die ich in groben Zügen schon vorher festgelegt habe.
Wegen der allgemeinen unsicheren Lage in Nigeria plante ich von Anfang an, das Land zügig zu durchqueren. Nach wie vor bin ich der Meinung, dass dies das Beste ist, und habe dementsprechend eine Route ausgearbeitet. Ob sich dies als schnell herausstellt, werde ich in den nächsten Tagen herausfinden. Sicher ist, dass einige verkehrstechnische Knackpunkte dazwischenliegen.
Bevor ich Ikom verlasse, möchte ich genügend Geld tauschen, damit ich mich unterwegs nicht mehr darum kümmern muss. Westliche Debit- und Kreditkarten funktionieren grundsätzlich nicht in Nigeria, und wenn doch, muss man damit rechnen, dass diese nach Gebrauch sofort von den Herausgebern gesperrt werden, weil sie Betrug wittern. Nigeria ist bekannt für seine kriminellen Banden, die sich darauf spezialisiert haben, über Kartenscamming oder Betrugsmails an Geld zu kommen. Deshalb leuchten überall bei den Herausgebern von Geldkarten sofort alle roten Lampen auf, wenn etwas in Nigeria über die Karten abgebucht wird.
Ich verfüge noch über genügend USD und €, die ich umtauschen kann. Der Hotelmanager bietet mir nochmals an, dass er mit mir mitkommt und zeigt, wo ich USD auf dem Markt wechseln kann. Ich bezahle ihm dafür das Moto Taxi und folge ihm mit der Honda, da ich danach noch Benzin bei der örtlichen Total-Tankstelle holen will. Bei den ersten Geldwechslern stossen wir auf kein Interesse. Sie sind nicht an USD interessiert. Danach fahren wir in einen anderen Teil der Stadt auf einen riesigen Marktplatz, wo der Hotelmanager jemanden kennt, der mir die USD wechselt. Der Kurs ist zwar nicht sehr gut, aber das ist kein Wunder, nachdem der Dollar in den letzten zwölf Monaten an Wert verloren und viel von seinem Image als sicherer Geldhafen eingebüsst hat. Anschliessend tanke ich voll und fahre zurück ins Hotel, wo ich aus meinem Proviant frühstücke.
Eine Stunde später ist Abfahrt angesagt. Die kommenden 200 km sollten noch etwas ruhiger verlaufen, da keine grösseren Ortschaften dazwischenliegen. Danach wird sich das ändern. Es stellt sich heraus, dass ich sogar viel schneller vorwärtskomme als gedacht. Die Strassen sind in einem besseren Zustand als von mir angenommen, und weil kaum grössere Siedlungen unterwegs sind, hat es nur wenige Check-Points, wo ich nirgends anhalten muss. Durchrasen geht auch nicht, weshalb jeder Check-Point das Tempo trotzdem drosselt.
Sowohl Abakaliki als auch Enugu, die ersten grossen Städte, kann ich auf Umfahrungsstrassen einfacher durchqueren als angenommen. Der Verkehr ist zwar dicht, aber alles im Rahmen. Die rudimentäre und teils rücksichtslose Fahrweise fällt aber schon auf. Jeder fährt grundsätzlich, wie er will. Steht kein zusätzlicher Polizist an einer Kreuzung mit Ampeln, werden diese schlichtweg nicht beachtet. Ich merke schnell, dass die eigentliche Gefahr für mich von hinten kommt. Viele Strassen sind zweispurig, was grundsätzlich gut ist, nur fahren fast alle Lastwagen auf der linken Überholspur und alle Motos am rechten Rand. Fahre ich an einem Lastwagen rechts vorbei, muss ich immer vorher checken, ob kein PW von hinten herangerast kommt, der sich skrupellos zwischen mich und den LKW hineindrückt, egal ob dafür genügend Platz ist oder nicht. Wenn nicht, liegt es an mir, nach rechts auszuweichen, was nicht immer möglich ist. Die einzige Regel, die in Nigeria wohl gilt, ist diese, dass es keine Regeln gibt.
Zu meinem Erstaunen ist es mir möglich, meine gesamte geplante Route von mehr als 300 Kilometern zu fahren, und ich erreiche das letzte von mir herausgesuchte Hotel auf der heutigen Route in Onitsha gegen 16.00 Uhr. Beim Nachtessen fällt mir dann auf, dass ich heute kein einziges Foto gemacht habe. Das liegt daran, dass die Landschaft nichts Besonderes ist und der Strassenverkehr die volle Aufmerksamkeit benötigt. Dafür habe ich über die Videokamera das alles dominierende Strassengeschehen etwas aufgezeichnet.
Für Tag zwei ist die geplante Strecke sogar noch etwas länger. Auch hier plane ich einige Übernachtungsmöglichkeiten unterwegs ein. So kann ich jederzeit entscheiden, ob ich für heute genug habe oder ob ich weiterfahre, zumal heute mit der Umfahrungsstrasse von Benin City eines der Nadelöhre bevorsteht, wo ich keine Ahnung habe, was da auf mich zukommt.
In Teilen von Nigeria gibt es diese Montagsregelung, dass alles geschlossen sein muss und nur jemand das Haus verlässt, wenn es unbedingt sein muss, ebenfalls, wie im Rebellengebiet von Kamerun. Ein Relikt aus viel unsicherer Zeit als jetzt. Alles, was östlich von Benin City liegt, also von da, wo ich herkomme, galt diese Regelung. Die Sicherheit hat sich hier jedoch in den letzten Jahren stark verbessert, weshalb dies grundsätzlich nicht mehr umgesetzt werden muss. Nur haben sich die Leute so daran gewöhnt, dass immer noch viele Geschäfte inklusive Banken und andere Grossfirmen am Montag ihre Türen geschlossen halten. Jetzt ist es einfach ein zusätzlicher freier Tag.
Vielleicht ist das der Grund, wieso ich heute Montagmorgen so ohne Probleme aus der Grossstadt Onitsha ohne jegliches Verkehrschaos herauskomme und sogar die Brücke über den Niger-Fluss ohne Stau passieren kann. Schon fast etwas unheimlich.
Auf den nächsten 100 km bis zur berüchtigten Umfahrung von Benin verläuft alles normal, sofern man das so sagen kann. Immer wieder wechselt der Verkehr auf die gegenüberliegende Seite, weil die Strasse auf der eigenen schlecht ist. Eine klare Absperrung gibt es dazu fast nie, weshalb ich mich einfach dem Verkehrsfluss anschliesse. Es kommt auch regelmässig vor, dass einzelne Lastwagen oder Personenwagen auf der Überholspur mir entgegenkommen. Bei uns nennt man sie Geisterfahrer, hier ist das einfach normal. Es ist daher ratsam, immer zu schauen, ob man links überholen kann oder ob gerade ein überdimensionierter Lastwagen die Überholspur für seine Fahrt in die entgegengesetzte Richtung nutzt. Es kommt auch vor, dass plötzlich bei einer Zusammenlegung der Spuren Linksverkehr herrscht. Wieso? Keine Ahnung. Der löst sich dann wie durch Geisterhand irgendwann auf, weil einfach ein Lastwagen als Vorreiter auf Rechtsverkehr wechselt und sich danach alle ausrichten.
Etwa einen Kilometer vor der Auffahrt zur Umfahrungsstrasse von Benin City wird der Strassenbelag miserabel, respektive kann man gar nicht mehr von einem Strassenbelag reden. Eine löchrige, staubige Piste mit teils übergrossen Mulden, die in der Regenzeit zu der berüchtigten Matschpiste wird, wo fast alle stecken bleiben.
Einmal auf der Umfahrungsstrasse wird der Belag wieder etwas besser. Es gilt aber auch hier zwei-, dreimal die Seite zu wechseln, weil riesige Pfützen ganze Strassenabschnitte überschwemmt haben. Das Wechseln auf die Gegenfahrbahn ist ebenfalls nicht ohne, weil dazwischen ein zehn Meter breites Band aus roter Erde liegt. Da bewirkt etwas Regen gleich eine Rutschpartie. Und damit das Ganze noch etwas spannender wird, beginnt es zu tropfen. Es sieht zwar nicht nach starken Gewittern aus, aber Regen ist Regen.
Zum Glück folgt bald ein langer Abschnitt, wo beide vierspurigen Seiten gut befahrbar sind und der Regen deshalb keine erschwerten Bedingungen schafft. Und dann habe ich den knapp 30 Kilometer langen Umfahrungsabschnitt auch schon hinter mir, und es geht zügig weiter.
Die Check-Points halten sich auf diesen Abschnitten im Rahmen. Ich muss lediglich einmal anhalten, weil ein Beamter will, dass ich ihm ein Wasser kaufe. Das gibt er schroff bekannt, indem er gleich auf mich einredet und sagt, ich solle ihm jetzt ein Wasser kaufen, und dieses bei einem der Strassenverkäufer daneben bestellt. Ein lukratives Geschäft für beide. Obwohl er bewaffnet ist, gebe ich keinen Deut nach und sage in etwa im gleichen harschen Ton wie er, dass ich kein Wasser für ihn kaufe und jetzt weiterfahre. Das will er verhindern, wird aber vom Gehupe des hinter mir stehenden Fahrzeuges abgelenkt, was ich ausnutze, und Gas gebe. Einige Meter später steht zwar schon wieder einer der Beamten, dieser winkt mich jedoch freundlich durch.
Das nächste Hindernis ist ein Stau. Leider bemerke ich diesen zu spät und kann deshalb nicht wie alle anderen lokalen Motos auf die Gegenfahrbahn ausweichen, wo es noch möglich war, weil als Abtrennung der Spuren jetzt Betonplatten stehen, die ich nicht überwinden kann. Nun stehe ich zwischen den Lastwagen, die zwischen sich keinen Zentimeter Platz gelassen haben. Kein Durchkommen.
Ich stelle mich schon darauf ein, dass der heutige Tag wohl gelaufen ist, weil es Stunden dauern kann, bis sich das Gewühl auflöst. Doch wie durch ein Wunder rollt der Verkehr nach etwa einer halben Stunde wieder los, und ich kann die nächste Möglichkeit für einen Seitenwechsel nutzen und auf die Gegenfahrbahn ausweichen. Somit bin ich jetzt ebenfalls ein Geisterfahrer und muss höllisch aufpassen, dass mich die entgegenkommenden LKW und PW nicht einfach über den Haufen fahren. Schlussendlich kann ich mich einem PW anhängen, der bei einer Kreuzung in die Autobahn einbiegt und natürlich gleich auf meiner Seite weiterfährt, weil er den Stau sieht. Für mich dient er nun als Schutzschild.
Gegen 14.00 Uhr erreiche ich eine Total-Tankstelle, wo ich Benzin bekomme und im kleinen Shop sogar ein paar Cracker kaufen kann. Im Schatten des Shops sitzen einige Mitarbeitende an Tischen, zu denen ich mich geselle. Ich werde sofort freundlich begrüsst und vieles gefragt. Dabei erfahre ich, dass Zahlungen bei den Check-Points hauptsächlich von Leuten gemacht werden müssen, die über keine ordentlichen Papiere verfügen. Entweder sind die Autopapiere nicht vorhanden oder sie haben keinen Führerschein, was gemäss Informationen aus dem Internet bei bis zu 60 % der Fahrenden der Fall ist. Da wundert es nicht, dass der Verkehr so gefährlich ist und dass das Arbeiten bei einem Check-Point profitabel ist respektive es wohl so viele überhaupt gibt.
Im Ort gäbe es ein Hotel, das ich herausgesucht habe. Ich fühle mich jedoch noch fit genug, um die restlichen 100 Kilometer bis zu meinem Tagesziel zu fahren. Ich verabschiede mich deshalb von den Mitarbeitenden und fahre los. Und ich erreiche meine Bleibe für den heutigen Tag ohne weitere Verzögerungen. Das läuft trotz einigem Spektakel auf der Strasse gut. Wenn das so weitergeht, erreiche ich morgen bereits Benin und schlafe abends in Cotonou.
Mit 270 km ist die heutige letzte Etappe die kürzeste. Jedoch komme ich mit jedem gefahrenen Kilometer näher an die riesige Metropole Lagos heran, wo der Verkehr Dimensionen hat, die wir uns kaum vorstellen können.
Der Start läuft bereits harziger als die letzten beiden Tage, weil der Strassenbelag schlechter wird. Immer wieder gibt es harte Schlaglöcher, und der Wechsel von einer Strassenseite auf die andere wird zur Routine. Das drosselt mein Fahrtempo enorm.
Lagos versuche ich so gut wie möglich zu umfahren. Dazu nehme ich sogar einen Umweg von über 50 km in Kauf. Etwa 10 Kilometer vor dieser Kreuzung kommt der Verkehr zum Stillstand. Die rechten zwei Fahrspuren werden erneuert, und auf der Gegenfahrbahn ist das Lastwagenaufkommen dermassen gross, in beide Richtungen, dass ein riesiger Stau entstanden ist. Dieses Mal habe ich jedoch besser aufgepasst und kann den lokalen Motos folgen. Diese fahren durch die Baustelle hindurch, mit dem Wissen, dass kurz darauf der Strassenbelag bereits fertig ist und wir ohne weitere Hindernisse einfach an den kilometerlangen stehenden Lastwagen vorbeifahren können. Für diese gibt es keinen Ausweg auf unsere Seite, weil die Strassenseiten wie gestern durch Betonplatten abgegrenzt sind.
Kurz vor der Abzweigung endet dann unsere bequeme Fahrt, und auch die Motos müssen sich durch den Lastwagendschungel kämpfen. Ich folge auch hier den Motos, was nur möglich ist, weil die Honda schmal ist und mein Gepäcksystem hinten nicht breiter als mein Lenker ist. Mit Alukoffern wäre ich garantiert stecken geblieben.
An der Kreuzung angelangt, biege ich auf die Autobahn auf meinen herausgesuchten Umweg um Lagos ab und kann ohne viel Verkehr in die etwa eine halbe Stunde entfernte Grossstadt Abeokuta fahren. Von dort dreht meine Route in Richtung Lagos, wo ich dann hoffentlich noch frühzeitig vor dem hohen Verkehrsaufkommen nach Westen in Richtung Benin abbiegen kann.
Je näher ich Lagos komme, desto schlechter wird die Strasse und desto zäher kommt der Verkehr vorwärts. Wie schon in den beiden letzten Tagen herrscht immer dort ein dichtes Gedränge auf der Strasse, wo viele Marktstände sind. Diese breiten sich auf den Spuren aus, und die Tuk-Tuk-Taxis und Minibusse halten dann auf der Überholspur, was regelmässig zu Chaos führt.
Als ich endlich die Abzweigung nach Westen zur Grenze nach Benin erreiche, muss ich feststellen, dass die Zubringerstrasse dorthin nicht mehr befahrbar ist. Ein Lastwagen versperrt den Weg, und darum herum hat sich riesiger See gebildet. Weil dies vermutlich schon eine Weile so ist, haben sich bereits Marktstände auf der Fahrbahn breitgemacht, was ein Durchkommen unmöglich macht. Mir bleibt nichts anderes übrig, als umzudrehen und über die Brücke zu fahren, die über die Strasse führt, die ich eigentlich nehmen sollte. Auf der anderen Seite erwartet mich ein Verkehrschaos der Extraklasse, und ich brauche viele Nerven und Geduld, bis ich auf die andere Strassenseite komme und mich dort auf der Zubringerstrasse bis zu meiner Route durchkämpfen kann. Damit ist es aber noch nicht geschafft, weil jetzt eine Baustelle nach der anderen folgt, wo vor lauter Staub oft nicht viel zu sehen ist und alle kreuz und quer fahren, weil sie sich einfach ihren eigenen Weg durch das Getümmel suchen.
Einmal mehr schliesse ich mich dem Strom der Motos an und fahre alsbald in der Gegenrichtung durch Marktstände, Hunderte von Leuten und Verkehrsstau hindurch. Irgendwann ist kein anderes Moto mehr vor mir, und ich muss selbst schauen, wie ich aus diesem Schlamassel wieder herauskomme, was mir dann irgendwie gelingt.
Als letzte Hürde folgen einige Kilometer vor der Grenze, nicht übertrieben, an die 50 Check-Points jeglicher Art. Hier wird nochmals kräftig abkassiert, was ich als Motorradfahrer zum Glück umgehen kann. Einzig ein Check-Point der Immigration stoppt mich und will meinen Pass sehen.
Gegen 15 Uhr erreiche ich dann die Grenze und atme zuerst einmal tief durch und trinke eine Dreiviertelliterflasche Wasser leer, die ich bei einem Strassenhändler kaufen kann.
Die nigerianische Immigration finde ich ohne Probleme. Los ist nichts, weshalb drei tatenlose Beamte herumsitzen und Zeit haben, sich mir zu widmen. Kein gutes Zeichen. Es dauert allein schon über eine Viertelstunde, bis sie sich dazu aufraffen, meinen Pass anzuschauen und mich zu fragen, wo mein Visum für Nigeria sei und wo ich eingereist bin. Ich erkläre alles und zeige ihnen mein e-Visum auf dem Telefon. Danach sieht es so aus, als würde ich den Ausreisestempel in den Pass bekommen, als einer der Beamten meint, sie benötigten das e-Visum auf Papier. Das habe ich nicht und erwidere, dass dies ja ein e-Visum ist und deshalb keine Papierform benötigt wird. Das bringt nichts, und einer der Beamten meint, dass wir zum Chef gehen müssen. Der sitzt einige Gebäude weiter in einem angenehm heruntergekühlten Büro und schaut sich ebenfalls lange meinen Pass an. Auch er fragt, wo ich eingereist sei und was ich in Nigeria gemacht habe. Irgendwie sind sie hier nicht an Touristen gewöhnt, wenn ich mir ihre Fragen anhöre. Danach meint er, dass ich ohne Kopie des e-Visums keinen Ausreisestempel bekomme. Ich versuche so geduldig wie möglich zu antworten und erwidere, dass ich als Motorradfahrer nicht einfach eine Kopie davon erstellen kann. Er reagiert darauf zuerst erbost und meint, ob ich ihm sagen wolle, was sie benötigen und was nicht, meint dann aber gleichzeitig zu seinem Beamten, dass er mit mir in das andere Büro gegenüber gehen soll, wo sie eine Kopie machen sollen. Das funktioniert dann alles reibungslos, und ich kann mein e-Visum dem Bürobeamten mittels WhatsApp schicken. Danach geht es zurück ins Ursprungsbüro, wo ich endlich den Ausreisestempel bekomme. Gegenüber sitzt die Zollbehörde, die im Gegenzug mein Carnet innert einer Minute ohne jegliche Fragen abstempelt.
Die Einreise nach Benin ist danach richtig angenehm, und ich kann sogar, während der Beamte die Daten meines e-Visums überträgt, draussen Geld wechseln. Danach heisst es willkommen in Benin. Das CDP bekomme ich ebenfalls ohne Diskussion abgestempelt, obwohl ich dies für ein Motorrad vermutlich gar nicht hätte tun müssen.
Die anschliessende Fahrt in die von mir herausgesuchte Unterkunft mitten in Cotonou ist nach den drei Tagen in Nigeria eine richtige Erholung. Die Strassen sind super ausgebaut, meist zwei- bis sogar dreispurig, und es hat kaum Verkehr. So lege ich die restlichen 60 km viel schneller zurück als gedacht und checke alsbald im Hotel ein, das einem Westschweizer gehört. Ich buche gleich für mindestens sechs Nächte, weil die Beschaffung des Ghana-Visums, das ich hier machen muss, mindestens fünf Arbeitstage in Anspruch nimmt. Dazwischen liegt noch ein Wochenende. Es wird also eine längere Pause geben.
Eine Dusche später sitze ich in einem der umliegenden Restaurants und bekomme einen Teller Spaghetti mit Gemüse und Huhn. Richtig lecker. Der abschliessende feine Kaffee rundet den Tag ab, und ich bin erleichtert, dass ich die Fahrt durch das Rebellengebiet und durch Nigeria unbeschadet überstanden habe. Das ist auf der Westroute der unsicherste Abschnitt. Gut liegt er nun hinter mir.
Route und Downloads
Track & POI meiner Route
Die GPX Datei enthält den Track und die POI der Strecke „Allein durch das Rebellengebiet und zügig durch Nigeria“
Autor und Inhaber der Marke Motoglobe